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Selbstaufklärung
Wer oder was steuert den öffentlichen Meinungsbildungsprozess, zumal wenn es für Millionen von Menschen um Krieg oder Frieden geht?
Unser aktuelles Weltwissen - im Kleinen wie im Grossen - gewinnen wir durch den Gebrauch unserer Medien. Und auch wenn wir uns über Freundes- und Nachbarschaftsgespräche informieren, so gründet auch das Wissen der Nachbarn meist auf der Nutzung von Medien.
Dies ist im Zeitalter der Mediengesellschaft allgemein bekannt und erscheint vielen Mediennutzern als langweilig. Dabei ist die Frage, wie und durch wen das Weltbild in unseren Köpfen tagtäglich aufs Neue zusammengebaut wird, alles andere als langweilig. Denn von diesem Zusammenbau hängt wesentlich ab, was wir in unserer Lebenswelt gut und schlecht, richtig und falsch finden, wem wir zustimmen und was wir ablehnen werden. (…)
In der Mediengesellschaft geht es, mit anderen Worten, notwendig um Selbstaufklärung - also auch um eine Kontrolle der Medienmacht durch die informierte Öffentlichkeit. Medienjournalismus ist demnach so notwendig wie noch nie zuvor. (…)
Aber geht das überhaupt: Selbstaufklärung? Das kantsche Diktum von der Befreiung aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit war doch nur ein idealistischer Appell an das Individuum, sich seines logischen Verstandes zu bedienen - und heute geht es um hoch komplexe gesellschaftliche Funktionssysteme. (…)
Tatsächlich haben die Skeptiker des Medienjournalismus eine Reihe von Argumenten auf ihrer Seite. Der in vielen Medienredaktionen - und vermutlich auch im «Tages-Anzeiger» - stark beachtete Einwand gilt dem Publikumsinteresse: Leser- und Zuschauerumfragen belegen immer aufs Neue, dass sich die grosse Mehrheit für Medienaufklärung gar nicht interessiere und solche Berichte überblättere. Der Grund ist ein psychologischer: Der Konsument will seinem Medium glauben. Wer Zweifel an der Wahrheit der Nachrichten verbreitet, den mag man nicht. (…)
Kritischer Medienjournalismus erreicht also nur eine Minderheit, die sich nicht als Konsument versteht. Doch es sind die besser Ausgebildeten, die ihrerseits als Multiplikatoren wirken und für das Renommee ihres Blattes massgebend sind. Heute, in der Mediengesellschaft, kann man Medienjournalismus vergleichen mit der Bedeutung des Feuilletons oder des Börsenteils, Ressorts, die ja auch nur von Minderheiten, dafür aber umso aufmerksamer gelesen werden. (…)
Der zweite Einwand der Skeptiker zielt tiefer: das Argument des blinden Flecks. Der Medienjournalismus, so lautet dieser Einwand, ist selbst an ein Medium gebunden und darum stets parteiisch. (…)
Der blinde Fleck der Befangenheit im Auge des Medienbeobachters ist nicht zu leugnen. Doch können die Medien ihren Blick so steuern, dass sie ihre Medienumwelt - sozusagen über den ganzen restlichen Teil ihrer Netzhaut - wahrnehmen. Sie können sich in den Berichten der anderen Medien sehen und erkennen: Sie können im intermediären Wechselspiel Aufklärung betreiben und so insgesamt zur Selbstaufklärung der Mediengesellschaft beitragen - unwichtig, ob auf einer eigenen Medienseite oder verteilt auf Themenfelder und Ressorts. Hauptsache, sie tun es intensiv, kontinuierlich, nach den Regeln des journalistischen Handwerks und mit offenem Visier
Michael Haller, Professor für Allgemeine und Spezielle Journalistik an der Universität Leipzig. 'Selbstaufklärung ist nötig' in: Tages-Anzeiger, 27.02.2003
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