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Im Generalstreik von 1968 in Frankreich streikten auch die Zöllner. Für eine kurze Zeit waren alle Grenzen zu den Nachbarländern offen. Das war für Europa eine traumhafte Erfahrung - die Aufhebung von Grenzen! Ich lebte damals als Tessiner in Genf und habe das selber erlebt. Die damalige Protestbewegung war eine internationale Bewegung, die von den Oststaaten (Arbeiterkämpfe in Polen) über Süditalien (Landarbeiterrevolte), Vietnam und Westeuropa bis in die USA reichte. Insbesondere der Generalstreik in Frankreich und "l'autunno caldo" in Italien (1969) entfalteten eine ungeahnte "Zirkulation der Kämpfe" (circolazione delle lotte). Die heutige globalisierungskritische Bewegung hat also einen wichtigen Ursprung in diesen Bewegungen.

Wir von der italienisch sprachigen neuen Linke hatten die Vision von einem neuen "multinationalen Arbeiter" (l’operaio multinazionale ), der nicht mehr in der Tradition der nationalen Gewerkschaften stand, sondern sich international zu Wort meldete, und sich zusammen mit allen anderen autonomen Bewegungen der gesellschaftlich Marginalisierten organisierte. In der Schweiz waren es vor allem die italienischen und spanischen Arbeiterinnen und Arbeiter, die am ehesten unserem Bild eines transnationalen politischen Subjekts entsprachen.

Das war die positive Seite des damaligen Internationalismus in den neuen sozialen Bewegungen. Negativ waren die erniedrigenden und traumatischen Erfahrungen mit dem Fremdenhass. Die siebziger Jahre waren in der Schweiz die Zeit der sogenannten Überfremdungsinitiativen von James Schwarzenbach und anderen Rechtskreisen. Viele ausländische Arbeiter waren verzweifelt, denn sie wussten nicht, ob sie aus der Schweiz ausgewiesen würden, wenn die Schwarzenbach-Initiative durchgekommen wäre. Xenophobie und die Fichierung von Tausenden von politisch aktiven Immigranten wirkten jahrelang als Disziplinierungsinstrument im Arbeitsmarkt.

In den siebziger Jahren wurde die Internationalisierung der Welt und das Problem der politischen Repression noch sehr zurückhaltend diskutiert. Die Medien und insbesondere das Fernsehen standen unter Verdacht, links unterwandert zu sein, und übten Selbstzensur. Heute ist die Diskussion über die multikulturelle Gesellschaft selbstverständlicher geworden. Alle reden davon, von der SVP bis zur Linken.

Der heutige Globalisierungsbegriff wird hauptsächlich von wirtschaftlichen Kräften bestimmt. Wenn Wirtschaftsvertreter von Globalisierung sprechen, meinen sie vor allem den freien Markt und unterschlagen dabei, dass der Protektionismus für die heutigen Handels- und Wirtschaftsbeziehungen noch immer eine wichtige Rolle spielt. Kritik an den neoliberalen Globalisierungskonzepten wird nicht nur von Wirtschaftsjournalisten geübt, die neoliberale Doktrin nicht einfach übernehmen wollten, sondern auch von Intellektuellen wie Chomsky, der seit mehr als vierzig Jahren über die globale Entwicklung nachdenkt. Die globalisierungskritische Diskussion, das heisst die Auseinandersetzung mit der totalen Flexibilisierung der Arbeitsverhältnisse und die neue Kämpfe der "globalen Arbeiter" (l’operaio globale), haben also viele Facetten. Dazu kommt das ganze kritische Potenzial von sozialen Basiswiderstandsbewegungen von Indien über Südamerika bis nach Europa. Die Unabhängigkeit der Medien gegenüber der Wirtschaft ist in Europa eindeutig grösser geworden.

Was wir heute erleben ist eine ernste Krise der Demokratie, eine eigentliche Legitimitätskrise, die groteske Dimensionen angenommen hat. In den USA kam eine wirtschaftliche und politische Clique an die Macht, die Protektionismus betreibt und sich kriegslüstern gibt. Israel, welches eine unglaublich lebendige Gesellschaft ist, wird von einem Kriegskriminellen regiert mit gefährlichen Konsequenzen für die eigene und die palästinensische Bevölkerung. In Italien ist eine Karikatur von einem Regierungschef an der Macht, der immer noch glaubt, man müsse den Kampf gegen den Kommunismus führen. Auch ist es verblüffend, wie in all diesen Ländern die Medien von den herrschenden Kreisen für ihre Zwecke missbraucht werden können. Gleichzeitig sind auch demokratische Kräfte und die "New Global" Bewegung präsent, die es verstehen, sich Gehör zu verschaffen. Doch müssen sie in wirtschaftlichen und politischen Konstellationen arbeiten, die sehr bedrückend sind. Die Zukunft ist offen. Sie könnte den reflexiven und kreativen Kräften mehr Raum geben, oder aber die Krise der Demokratie könnte das Ganze ersticken.

S.A., m, * 1948, Journalist, Zürich, CH
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