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Neger, Ananasbüchsen und Tofu
Als ich in die Sonntagssschule ging, warfen wir Kinder manchmal zum Spass einen Hosenknopf anstatt ein Geldstück ins "Kässeli" des "Negerli". Es nickte zum Dank mit dem Kopf und wir mussten furchtbar lachen. Was ein Negerli ist, wurde mir erst später bewusst, als ich Radiosendungen vom Schweizer Afrikaforscher René Gardi hörte. In der Kinderstunde sprach er mit grossem Feuer von den Negern, wie sie damals bei uns noch genannt wurden. Ich realisierte also, dass das Negerli ein Mensch ist und Bedürfnisse hat. Mein Weltbild wandelte sich. Später begann ich mich für fairen Handel mit der Dritten Welt zu interessieren.
Meine Kinder liebten Ananas. Für jede Büchse, die wir kauften, legten wir den gleichen Geldbetrag in eine Kasse. Das Geld schickten wir den Strassenkindern in Vietnam, eine Patenschaft, die ich bis heute pflege. Das Gewissen begann sich bei mir immer dann zu regen, wenn ich das Gefühl hatte, dass der Kauf eines Produktes auf Kosten von anderen Menschen geht. Mein Hauptargument gegenüber den Kindern war immer: "Esst doch das, was wir bei uns haben, dann müssen wir die anderen nicht ausnützen." Und für das, was wir aus Übersee beziehen und nicht missen wollen - Kaffee, Tee, exotische Früchte und Gemüse - zahlen wir einen Preis, von dem sie dort leben können.
Ich mag mich an ein Aha-Erlebnis erinnern, als ich las, wieviel Soja importiert und dem Vieh verfüttert wird. Ich dachte, das ist ja absurd, wir importieren Soja für unsere Schweine, damit ich Schweinefleisch essen kann. Und die Leute in den Anbaugebieten, die das Soja fürs Ausland produzieren, werden von Grossunternehmern und ihren Zulieferern praktisch wie Sklaven gehalten. Diese Bilanz stimmt hinten und vorne nicht. Da sagte ich mir: Jetzt versuchen wir Soja zu essen. Ich kaufte zum ersten Mal Tofu. Meine Familie fand, es schmecke wie Karton. Dann lernte ich, wie man den Tofu geschmackvoll zubereitet. Es assen auch Leute bei mir Tofu, die behaupteten, sie hätten das überhaupt nicht gerne. Ich sagte ihnen jeweils erst nach dem Essen, was es war. Die Reaktion war immer: Aha!
Der Haken beim "fairen" Einkaufen ist der, dass man sich Mühe geben muss. Jetzt wo meine Söhne alleine leben und sich immer überlegen müssen, bevor sie etwas in den Warenkorb werfen, stöhnen sie: "Mutter, es ist verdammt mühsam!" Das stimmt, man muss sich immer wieder informieren.
I.T., w, * 1942, Hausfrau und Englischlehrerin, Zürich, CH
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