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. Druck der Fernsehbilder


In Berlin diskutierten Politiker, Journalisten und Wissenschaftler über den Zusammenhang von Medienberichterstattung und Außenpolitik

Glaubwürdigkeit, Verantwortung und Unabhängigkeit sind gerade dann wichtig, wenn Propaganda und Zensur eine objektive Berichterstattung zu verhindern suchen. "Außenpolitik, die sich von Bildern lenken lässt, ist verantwortungslos", meint ARD-Mann Thomas Roth. Aber "Außenpolitik, die nicht auch in Bildern denkt, lügt oder ist unglaublich naiv." (…)

Insbesondere Fernsehbilder von Hungersnöten oder Naturkatastrophen könnten jenen "maßlosen Druck" erzeugen, der Politiker regelrecht zum Handeln zwingt, führt Michael Gerth aus. Manchmal sei aufgrund der öffentlichen Forderung nach schnellen, humanitären Hilfsaktionen eine vernünftige Koordination mit anderen Regierungen gar nicht mehr möglich, so dass alle die gleichen Dinge an falsche Orte fliegen würden. (…)

Ist aber kein Fernsehteam vor Ort, lenkt die Presse die Aufmerksamkeit nicht auf ein Problem, passiert es, dass die Politik eben nichts tut. Warum zum Beispiel hat keine ausländische Regierung etwas unternommen, als ein aufgehetzter Mob 1994 in Ruanda Hunderttausende Landsleute über Monate hinweg grausam massakrierte? Politiker in Europa oder den USA hätten sich ihre Untätigkeit kaum erlauben können, wenn Abend für Abend Bilder des Massenmordens im Fernsehen zu sehen gewesen wären. (…)

Der Forderung, in Kriegszeiten müssten Medien zu Alliierten werden, erteilt BBC-World Anchorman Nik Gowing eine klare Absage: "Wir sind kein Sprachrohr des Staates, sondern arbeiten unabhängig." (…)

Welche Konsequenzen hat die emotionsgeladene Bilderflut für die öffentliche Meinung: Sind wir am Ende "overnewsed" aber "underinformed"? Handeln Politiker nur noch unter der "Tyrannei der Echt-Zeit"? "Wir leben im goldenen Zeitalter der Information", glaubt Martin Kotthaus von Gruner und Jahr. "Wir kehren zurück in das dunkle Zeitalter der ungesehenen Kriege" sagt dagegen der ehemalige BBC-Korrespondent Martin Bell. Vielleicht wird der nächste Krieg zeigen, wer von beiden näher an der Wahrheit liegt.

Antje Kraschinski, 'Die Tyrannei der Echtzeit', in: Frankfurter Rundschau, 24.02.2003
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