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. Leuten eine Stimme geben


Die Verwendung des Begriffs "Globalisierung" bezieht sich nicht nur auf weltumspannende Prozesse, sondern bringt zum Ausdruck, dass es sich dabei um etwas qualitativ Neues handeln muss. Damit habe ich als Historiker meine liebe Mühe. Für mich haben die Prozesse der Globalisierung schon vor sehr langer Zeit eingesetzt. Ich selbst forsche etwas zur Wahrnehmung solcher Prozesse in den USA des ausgehenden 19. Jahrhunderts.

Wie die Zahlen der Volkszählung zeigten, begannen sich damals die Immigrationsflüsse zu verändern. Den dominanten "weissen, angelsächsischen und protestantischen ImmigrantInnen" (WASP) wurde plötzlich bewusst, dass in der Bevölkerung der Anteil von Leuten stieg, die nicht mehr protestantisch waren.
Viele kamen aus Ost- und Südeuropa, waren katholisch oder jüdisch, weitere kamen aus Asien und anderen Erdteilen. Sie arbeiteten in Chicago und in anderen amerikanischen Grosstädten in sogenannten "Sweatshops", wo unter menschenunwürdigen Bedingungen Produkte des Massenkonsums hergestellt wurden. Ganz ähnlich wie heute, wo die Herstellung von Artikeln des Massenkonsums aus den Industrieländern in die Billiglohnländer ausgelagert wird, und die Leute dort zu ähnlich schlechten Bedingungen arbeiten wie damals in den USA. Diese "neue" Immigration wurde von vielen WASP’s als bedrohlich empfunden.

Mein eigentliches Forschungsprojekt gilt der frühen Entwicklung der Soziologie in Chicago, wo 1892 das erste soziologische Institut der Welt gegründet wurde, bzw. ein "Department for Sociology and Anthropology". Mich interessiert die Frage, inwiefern die Wahrnehmung damaliger gesellschaftlicher Umstände den Bedarf nach einem neuen wissenschaftlichen Fach auf universitärer Ebene stimuliert hatte. Behörden, Kirchen und wohltätige Organisationen waren tatsächlich daran interessiert, die neuen Phänomene der Immigration besser zu verstehen und zu bewältigen.

Wer steckte hinter dieser Politik? In Chicago waren es die bürgerlichen WASP-Protestanten, also die, die das Sagen hatten, die das Gefühl kriegten, aufpassen zu müssen, dass nicht alles aus dem Ruder lief. Sie hatten Angst, dass Europa "schlechtes Menschenmaterial" in die USA schicken würde: "Kriminelle", "Degenerierte" und arme Leute, die moralisch so verkommen seien, dass sie sich nicht selbst über Wasser zu halten vermögen.

Auf der einen Seite baute die neue Disziplin der Soziologie auf einer humanistischen und progressiven Sozialphilosophie auf. Andrerseits gab es auch ein konservativ-fundamentalistisches Lager mit repressiven und rassistischen Zügen. Allgemein wollte man untersuchen, was sich in Chicago real abspielte und dann schauen, wo und wie man gesellschaftlich intervenieren könnte. Wissenchaftliches und Politisches waren pragmatisch verknüpft. Man wollte die Leute moralisch "erheben" (to uplift), indem man sie bildete und zur Selbsthilfe befähigte. Denn Gesellschaft - so die Überzeugung - könne sich nur entwickeln, wenn sie möglichst viele Leute integriert, ihnen eine Stimme gibt, so dass sie mitreden können, was wahr und was gut sei, und was getan werden muss. Diese ethische Dimension war stark verankert in der damaligen soziologischen Bewegung. Aber es gab auch Ausgrenzung, Diskriminierung, Bevormundung.

Es ist schwierig zu sagen, wie durchschlagend das soziologische Programm war. Erfolgreich war die Strategie insofern, als der neue soziologische Diskurs in Chicago gut alimentiert wurde. SoziologInnen, AnthropologInnen und SozialarbeiterInnen konnten ihre Fachbereiche aufbauen, Projekte realisieren und Bücher schreiben. Sie konnten davon leben, dass sie diesen Diskurs pflegten und nahmen Einfluss auf die öffentliche Diskussion über Grossstadtprobleme. Doch welche Auswirkungen dieses Denken damals auf die "Globalisierungsgeschädigten" hatte, ist eine andere Frage. Ohne diesen Diskurs wäre es vielleicht noch schlimmer geworden.

Im Kontext der heutigen Globalisierung erhält die Geschichte der Chicago School of Sociology neue Aktualität. Heute wird wieder betont, wie wichtig es sei, die transnationalen Veränderungen vor Ort zu untersuchen. Dabei wird immer wieder auf die ethnographische Seite der Chicago School of Sociology Bezug genommen. Auch heute geht es wieder darum, die Ausgegrenzten in unsere Gesellschaft zu integrieren. In Chicago habe ich neulich gesehen, wie in der Public Library mittellose Leute vor dem Computer sassen und das Internet nutzten. Das gefiel mir. In diese Richtung muss es weitergehen.

R.E., m, *1964, Historiker, Zürich, CH
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