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. Sich in der Welt orientieren


Ich bin in einer Bildungsinstitution tätig und habe jeden Tag mit den Begriffen "global", "Globalisierung", "Welt" zu tun. Uns beschäftigt, wie SchülerInnen für weltweite Zusammenhänge interessiert und sensibilisiert werden können. Zum Beispiel mit dem Thema "Mode", das in ihrem Alltag eine wichtige Rolle spielt. Wenn sie begreifen, wieviele tausend Kilometer ein T-Shirt zurückgelegt hat, bevor sie es selber anziehen, und wer daran wieviel verdient hat, tun sich ihnen plötzlich weltweite Zusammenhänge auf.

Es wäre jedoch falsch, von den SchülerInnen zu erwarten, dass sie die Welt verändern sollten. Sie sind ja noch sehr von ihren Eltern und von dem, was ihre Peer-Group meint, abhängig. Die Schule kann nicht erwarten, dass sie alles besser machen als die Erwachsenen. Ihre Handlungsmöglichkeiten liegen noch an einem anderen Ort. Eine Schulklasse kann sich überlegen, zu einem aktuellen Thema eine Schülerzeitung herauszugeben, die Parallelklasse oder die Eltern zu informieren, eine Ausstellung im Gemeindehaus zu machen oder eine Homepage zu gestalten. Und da müssen auch die LehrerInnen eine aktive Rolle spielen. Es ist ganz wichtig, dass die Jugendlichen Gelegenheit erhalten, sich auszudrücken, wie sie sich eine besserer und gerechtere Welt vorstellen.

Ich werde immer wieder mit der Abwehr gegen Begriffe wie "global" oder "Globalisierung" konfrontiert. Das tönt für viele offenbar negativ. Wenn wir Weiterbildungskurse für LehrerInnen, in denen diese Begriffe vorkommen, ausschreiben, hat das eine abschreckende Wirkung. Eine Zeitlang versuchten wir, möglichst ohne diese Reizwörter auszukommen. Im Moment halte ich eher wieder an diesen Begriffen fest und versuche sie anders zu besetzen. Oder ich weiche auf das Wort "Welt" aus, weil es einen persönlicheren Klang hat. Bei "Globalisierung" kommt man schnell auf die transnationalen Konzerne und dann wird es abstrakt und unheimlich. Wenn ich "Welt" höre, sehe ich den Globus vor mir. Das macht mich neugierig: wo ist welches Land, und wie leben die Menschen an einem anderen Ort, und wie lebe ich in meiner kleinen Welt? Ich verknüpfe "Welt" mit meiner Berufswelt, mit meiner privaten Welt, mit der Welt meiner Familie und meiner Freunde. Mit diesem Wort kann ich gelöster und unbelasteter umgehen.

Die Begriffe "global" und "Globalisierung" wirken hingegen streng. Da wird es sofort emotional, es geht um Globalisierungsbefürworter und Globalisierungsgegner. Du hast also Lager, die sich bekämpfen, und man weiss, es gibt Demos, Tränengas und Sachschaden. Das ist ein Aspekt. Ein anderer ist die globale Ungerechtigkeit. Das beschäftigt schon viele Leute in der einen oder anderen Form. Andere grenzen sich davon ab, wollen nichts davon hören und sagen "Das geht mich nichts an!" Und auch das ist schon wieder ein emotionales Statement.

Es gibt Themen, zu denen ich durch meine Ausbildung als Ethnologin etwas zu sagen habe. Bei anderen Themen muss ich passen; es interessiert mich auch nicht alles. Als Berufsfrau orientiere ich mich in Zeitungen und in anderen Publikationen. Da gibt es kompetente Fachpersonen, die für mich eine wichtige Referenz sind, wenn es um Weltpolitik geht. Es sind also Personen und Organisationen, an denen ich mich orientiere. Das Internet benutze ich sehr selektiv, wenn ich zu einem Thema bestimmte Wissenszusammenhänge recherchiere, oder wenn ich auf der Suche nach interessanten Links bin. Mich in diesem riesigen Informationsangebot zurecht zu finden ist schwierig und zeitaufwändig. Dass ich mich nicht um alles kümmern kann, macht mich manchmal hilflos. Das hat aber auch eine gute Seite, weil ich dann als Erdenbürgerin den Grössenwahn ablegen muss, alles über die Welt wissen zu wollen.

V.S., w, *1950, Ethnologin, Zürich, CH
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