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Letten it be. Eine Stadt und ihr Problem
Ethnographische Ausstellung über die offene Drogenszene in Zürich.
Museum für Gestaltung, Zürich 1995.
Idee und Realisation: Martin Heller, Claude Lichtenstein und Heinz Nigg
Beschreibung des Projektes
Text zur Ausstellung von Martin Heller
"Wenn sich eine verhältnismässig kleine Stadt, die dennoch keine Kleinstadt ist, als Weltstadt gibt, ohne eine Grossstadt zu
sein, kann es leicht geschehen, dass sie die grossen Probleme der Weltstädte erzeugt, die sie dann auf kleinem Raum ausleben
und austragen muss."
Hans Saner, 1995
Seit Anfang März dieses Jahres gibt es die offene Drogenszene am Zürcher Letten nicht mehr. Geblieben sind die Drogen und
die Szene. Geblieben sind überdies nicht nur drogenpolitische, sondern auch kulturelle und urbane Erfahrungen aus jenen
dreieinhalb Jahren, in denen vor allem der Stadtkreis 5 zum Synonym für eine neue Form drastisch erzwungener Öffentlichkeit
wurde.
Diese Erfahrungen und diese Öffentlichkeit beschäftigen uns. Das hat
seine Gründe. Denn seit der Schliessung - letztlich eine Öffnung - des Platzspitz gehörte auch unser Museum ungefragt zum
Vorhof jener "Drogenhölle", zu welcher der Letten stilisiert wurde. Teilnehmende Beobachtung bestimmte in der Folge unseren
Alltag, als Form von Aneignung und Schutz zugleich.
Aus solcher Situation wäre zu lernen. Im analysierenden, kritischen Rückblick auf Höhen und Tiefen, obschon jede Analyse
angesichts des menschlichen Elends und der konkreten, physischen Realität des Lettens schwerfällt.
Genau das aber ist eine Konstante jeder Diskussion um Drogen und Politik. Und darum steht auch ausser Frage, den Weg des
geringsten Widerstands zu gehen und verdrängen zu wollen, was sich nicht verdrängen lässt. Denn alle waren überfordert: die
Einzelnen, das Publikum, Helferlnnen, Parteien, Institutionen, der Verwaltungsapparat, die Stadt als Ganzes. Die Präsenz
der Drogenszene erst im Klingenpark, dann auf den Strassen im Kreis 5 und schliesslich auf dem Lettenareal hat öffentliche
und private Rollen und Ideologien gründlich durcheinandergebracht.
Dazu prägten sich Bilder von geradezu absurder Klarheit ein. Die demonstrativ als Werkzeug hinters Ohr gesteckte Spritze
etwa wurde zum Logo einer Selbstverständlichkeit, die in der Schweizer Realität bislang ohne Vorbild war. Am Limmatplatz war
vor dem Capuccino im Promenadencafe zu erleben, was Multikulturalismus zwischen Handel, Konsum und Repression bedeutet und
provoziert. Oder die zahlreichen baulichen Massnahmen zur Ab- und Aussperrung: sie haben ein ehemals offenes Quartier
nachhaltig aufgerüstet.
Natürlich sind solche Bilder in einem für seine diskrete Biederkeit bekannten Land eine Belastung. So gesehen hat die
Bevölkerung im Kreis 5 eine Leistung erbracht, die kaum hoch genug eingeschätzt werden kann: Sie hat sich zwischen Mitleid
und Ekel, Verständnis und Abschottung, Kurzsichtigkeit und Langmut an das vermeintlich Unvorstellbare nicht nur gewöhnt,
sondern es bis zu einem gewissen Grad auch akzeptiert. Wobei solche Akzeptanz keineswegs im Widerspruch steht zum legitimen
Wunsch, das Drogenproblem einer ganzen Region auch tatsächlich regional wahrgenommen und bearbeitet zu wissen.
Diesem Prozess geht unsere Ausstellung nach. Im Versuch, die kulturelle Dimension dessen, was uns als "Letten" gleichsam
vertraut geworden ist, mit den Mitteln eines an der Gegenwart interessierten, sich als "Umschlagplatz der Ideen"
begreifenden und zugleich mitbetroffenen Museums zu thematisieren. Denn hier liegt ein wichtiges Potential für die zwar
ungewisse, aber mit Sicherheit nicht drogenfreie Zukunft.
Also werden Meinungen augebreitet und zusammengeführt, Teilwahrheiten, Scherben eines von vornherein zerbrochenen Spiegels.
Sentimentalität oder moralische Entrüstung liegen uns fern. Der Blick auf die eigene Lage erfordert Nüchternheit. Erst dann
wird beispielsweise klar, dass die Drogen wohl gar nicht das eigentliche Problem sind. Zürichs wirkliche Last liegt - so die
Kernthese von "Letten it be" - in einer kaum zu überwindenden Differenz zwischen seiner urbanen Realität und seinem
offiziellen Selbstverständnis als städtisches Dorf, als übergrosse Genossenschaftssiedlung, als harmonischer
Nachbarschaftsraum.
Überhaupt erweist sich der Begriff des "Drogenproblems" in solchem
Zusammenhang als verfänglich. Ohne die Wirkung von Drogen verharmlosen zu wollen, wird doch immer deutlicher, wie sehr sie
zu dem Problem gemacht wurden, das sie nunmehr sind: durch Ausgrenzung, Dämonisierung, Stigmatisierung und Kriminalisierung.
Der Umstand, dass gerade dieses soziale Muster manchen Drogenabhängigen erlaubt, durch ihre Lebenshaltung das allgemein
geltende Wertgefüge fundamental in Frage zu stellen, bedeutet nicht, dass damit ein gesellschaftlicher "Sinn" verbunden
wäre. Zum Ausdruck kommt lediglich die reale Enge der Normen von Anstand und Richtigkeit, und ein Mangel an wahrhafter
Urbanität.
Was aber ist nun - vor dem Hintergrund derartiger Überlegungen - in der Ausstellung konkret zu sehen? Es sind nebst
weiterem Material vor allem fünf Ausstellungsbereiche, die unterschiedliche, aber einander ergänzende Zugänge eröffnen.
Eine Fotoarbeit der jungen Zürcher Fotografin Françoise Caraco widmet sich einer Randerscheinung der Drogenszene: dem
vielerorts in den Stadtkreisen 4, 5 und 6 installierten Blaulicht. In harter Romantik ist dieses Licht Metapher und
Konkretion zugleich; es verunmöglicht den Drogenabhängigen, ihre Venen zur Injektion vorzubereiten, und soll sie dadurch
fernhalten. Solcher Schutzzauber wird anonym, körperlos - in Caracos menschenleeren Bildern zur ästhetischen Uberhöhung
einer schmerzhaften Versehrtheit der Stadt und ihrer Bewohner.
Letten-Talk versammelt 14 Video-Gespräche mit Menschen, die sich aus unterschiedlicher Perspektive zum Letten äussern. Zu
diesem sozialen Mikrokosmos gehören der Sicherheitsverantwortliche eines Grossunternehmens ebenso wie eine Journalistin,
ein Pfarrer, ein Fixer, ein Gassenarbeiter, ein Parkwächter, zwei Mütter, ein Polizeibeamter oder der Präsident des
Quartiervereins. Zur Sprache kommen persönliche Gefühle, Reflexionen und Erwartungen als Resultat direkter, unvermittelter
Konfrontation mit Drogen und ihrem Umfeld. Die offenen Statements repräsentieren ein Stück Stadtgeschichte, dessen
Komplexität alle sozialen, kulturellen oder politischen Vorurteile unterläuft.
Letten City ist ein Stadtmodell im Massstab 1:200. Seine roten Markierungen verweisen auf bauliche Eingriffe, seine
gelben auf therapeutische und soziale Einrichtungen. Neben der - nicht darstellbaren - starken Präsenz von
Sicherheitsdiensten dokumentieren vor allem zahllose bauliche Massnahmen den Wunsch von Privaten und Institutionen,
den eigenen Ort abzudichten: mit Gittertoren, Schranken, Stacheldraht-Sperren. Jeder Eingriff ist als Signal gemeint:
"nicht hier!", und jeder ist auch ein Ausdruck von Angst. Wirkungsvoll im einzelnen, erweist sich die aufsummierte
flächendeckende Aufrüstung als verfänglich. Denn jede Ausgrenzung grenzt zugleich etwas ein, und manch ein Haus ist zum
Käfig für die darin Lebenden geworden. Fussgängerwege wurden unterbrochen, und es gibt kaum mehr begehbare rückwärtige
Orte, wo Privatheit und Öffentlichkeit zu urbanen Mischformen finden.
Letten-TV bietet auf zehn thematisch bespielten Monitoren einen konzentrierten Querschnitt durch die Berichterstattung
des Schweizer Fernsehens über den Letten, der ja ein Medienereignis ersten Ranges war und einem grossen Publikum
ausschliesslich medial vermittelt wurde. Anhand dieses Materials lässt sich überprüfen, inwiefern und aus welcher
journalistischen Haltung heraus weite Teile der Bevölkerung für das Drogenproblem sensibilisiert wurden. Solch probeweise
Öffnung des Fernseh-Archivs, das einen wesentlichen Teil unseres kollektiven Gedächtnisses bewahrt, ist von exemplarischer
Bedeutung - für die FernsehmacherInnen nicht weniger als für die Öffentlichkeit.
Vitrine: Die ausgestellten Gegenstände gehörten der jungen Natalie, die sich 1989, 21-jährig, am Wasserwerkkanal den
goldenen Schuss setzte. Hinter jedem Drogentod steht eine individuelle Lebensgeschichte. Es gibt Biografien mit dem einen,
verhängnisvollen Moment. Andere entwickeln sich - so hier - aus Entscheidungen für eine bestimmte Art zu leben, zu der
selbst die Vorstellung des eigenen frühen Todes gehören mag. Natalie war mit 17 Jahren eine Punkerin, ab 19 konsumierte
sie harte Drogen (Rohypnol, Heroin) und verkehrte in der Zürcher und Berner Szene. Den Kontakt zu ihrer Familie hielt
sie aufrecht. Mit ihrem Tod entzog sie sich einer Gerichtsverhandlung wegen Drogendeals.
1994 starben in Zürich 50 Personen am Konsum illegaler Drogen. Noch 1968 war kein einziger Todesfall zu verzeichnen gewesen.
Damals gab die Beratungsstelle für Verbrechensverhütung der Stadtpolizei Zürich jenes Plakat heraus, das im Ein- und Ausgang
der Ausstellung hängt und den Beginn einer offiziellen Schweizer Drogenprophylaxe markiert: "Rauschgift".
Die ambivalente Todes-Lust dieses Bildes steht in einer langen historischen und auch kunsthistorischen Tradition. Es solle
darin, so der staatliche Auftraggeber in seiner Pressemitteilung, "der langsame Zerfall des Individuums äusserst drastisch
zum Ausdruck kommen".
25 Jahre später hat sich erfüllt, was damals herbeiprophezeit wurde. Als
Konsequenz einer Drogenpolitik, die Moral, Abschreckung und Ausgrenzung von
Anfang an über jede Verhältnismässigkeit setzte.
"Wie es weiter geht? Insistieren muss man darauf, so der Gassenarbeiter Giovanni Blumer im Video-Interview, "dass
Drogensucht auch ein individuelles Problem ist, und nicht nur ein kollektives. Die Drogenabgabe ist lediglich eine
technokratische und damit ungenügende Antwort. Die beste Massnahme ist noch immer die Präsenz vernünftiger Menschen in
der Nähe von Süchtigen...".
Zur Ausstellung erscheint Ende Mai ein Begleitheft mit Auszügen aus den Videogesprächen, mit Essays und Kommentaren
(Schrittenreihe Museum für Gestaltung Zürich, Heft 19, Fr.16.-).
Vorbestellungen an der Museumskasse oder über unseren Verlag (Museum für Gestaltung Zürich, Verlag, Postfach, 8031
Zürich, Tel. 01.446 22 55).
Impressum
Konzept und Realisation: Martin Heller, Claude Lichtenstein, Heinz Nigg
Gestaltung: Tristan Kobler
Sekretariat: Doris Brem
Mitarbeit: Claudia Acklin (Letten-Talk), Françoise Caraco (Fotografie),
Franz Engler (Letten-City: Realisation), Alexandra Gübeli (Konzept)
Bauten: Werkstatt MFGZ: Jürg Abegg (Leitung), Pietro Giacomin,
Maurus Gmür, Fritz Huber, Domenico Scrugli, Walter Syz,
Sandra Waldvogel
Medien: Technischer Dienst MFGZ: Eugen.Benz, Verena Gloor,
Jörg Schellenberg
Einladungskarte, Plakat: Daniel Volkart
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