Der Kreis 5 in Zürich:

Eine Feldforschung

 
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ETH Zürich. Frühjahrssemester 2015

Soziologie: Der Kreis 5 in Zürich. Eine Feldforschung. Dr. Heinz Nigg

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Stadtethnologie begreift den urbanen Raum nicht nur als gebaute Umwelt, sondern als gelebten kulturellen und sozialen Zusammenhang. Mit ethnografischer Feldforschung wird die Wahrnehmung von Akteuren in lokalen Milieus erkundet. Wie sehen und erfahren sie urbane Zusammenhänge? Wie bewegen sie sich in der Stadtlandschaft? Wie sehen sie Häuser, Strassen und Plätze? Wie hören sie die Stadt?


Die Wahrnehmung lokaler Milieus, ihres Eigensinns, ihrer Kreativität und ihrer besonderen Lebensweise wird als bedeutsam erkannt, um die Stadt als zentralen Ort gegenwärtiger gesellschaftlicher Entwicklung besser zu verstehen.


Für ethnografische Erkundungen der gebauten Umwelt stehen Architektinnen und Architekten heute eine Reihe von Methoden und Techniken zur Verfügung: Teilnehmende Beobachtung, Interviews, Foto- und Videobegehungen von urbanen Räumen, Mindmapping u.a. In dieser Lehrveranstaltung gehen wir der Frage nach, wie sich der Kreis 5 in Zürich in den letzten Jahren ökonomisch, sozial, kulturell und baulich verändert hat. Transformationen im Strassenbild werden festgehalten, architektonische Eingriffe analysiert.


Fotorecherche als Methode der Raumerfassung

Im vorderen Kreis 5 unterwegs mit der Fotokamera. Beobachtungsraster:

- Was zieht mich an und gefällt mir?

- Was stösst mich ab oder ist mir fremd?

- Was macht mich neugierig oder finde ich interessant?


An dieser Fotorecherche nahmen über 40 Studierende des Frühjahrssemesters 2015 Teil. Ihre Aufmerksamkeit galt im vorderen Kreis 5 dem Perimeter zwischen Langstrasse und dem Hauptbahnhof Zürich. Vereinzelt wurden auch Aufnahmen westlich der Langstrasse gemacht (Limmatstrasse, Heinrichstrasse, Neugasse). Die Aufnahmen wurden im Rahmen einer öffentlichen Veranstaltung Wem gehört der Kreis 5? am 26. März 2015 im Quartierhaus Kreis 5, Sihlquai 115, präsentiert.


Vier Studierende, die auch an der Fotorecherche teilnahmen, haben anschliessend die Fotos ausgewertet. Ihr Fazit:


«Die Fotos sind von jungen, gebildeten Menschen gemacht worden, die in Zentraleuropa aufgewachsen sind. Menschen aus anderen sozialen Gruppen hätten wohl durch ihre Aufnahmen andere Wertungen zum Ausdruck gebracht. Die Fotos können in drei Kategorien gegliedert werden: 1. Gebäudeerscheinungen: Hauseingänge, Läden, Cafés und Restaurants u.a.

  1. 2.Aussenräume: Hinterhöfe, Grünflächen, Strassen, Gassen, Autos und Velos.

  2. 3.Soziale Eindrücke: Menschengruppen, kleine Begebenheiten und besondere Details.

Es fällt auf, dass bestimmte Sujets als besonders anziehend und einladend wahrgenommen werden, so zum Beispiel Dachterrassen und lauschige Ecken. Sie werden offenbar als Indizien für gute Wohn- und Lebensqualität gelesen. Hausfassaden und Graffiti wurden hingegen unterschiedlich gewertet, von anziehend bis fremd. Interessant auch, dass Sicherheit im öffentlichen Raum kein Thema war. Eine Überwachungskamera wurde sogar als unangenehm empfunden. Das könnte daran liegen, dass sich junge Leute offenbar gewohnt sind, sich frei in diesem innerstädtischen Quartier von Zürich zu bewegen. Insgesamt wurde der obere (oder vordere) Kreis 5 von den an der Fotorecherche beteiligten Studierenden als divers, bunt und abwechslungsreich wahrgenommen. Betont wurden Kontraste zwischen "gesitteten Wohnformen" (sauber, geordnet) und von der Gentrifzierung verschonten Lebensräumen (alternativ, frei, chaotisch). Solche Kontraste wurden positiv und negativ bewertet.»