Interview: Heinz Nigg
Rosa Schwarz.
Geboren 1957 in St. Gallen.
Comestibles-Traiteur-Verkäuferin.
Arbeitet heute in der Stiftung Suchthilfe in St. Gallen.
Meine Mutter war die Tochter eines Taglohnknechts. Sie hat ihr ganzes Leben
gearbeitet. Mit ihrem Lohn als Putzfrau unterhielt sie unsere Familie. Mein Vater
war der Sohn eines Stickereizeichners. Er hatte keine Ausbildung. Er brachte
sich mehr schlecht als recht mit einem Buch- und Kunstantiquariat durch. Er
hatte den Ruf eines Paradiesvogels. Trotzdem war er ein Fan von Zucht und
Ordnung und schwärmte für Hitler. Was aber in Deutschland tatsächlich
geschehen war, hätte seinem Freiheitsgeist absolut widerstrebt. Ich wuchs als
einziges Kind in einer überbehüteten Atmosphäre auf. Dem Bild der Schönsten
und Besten, das mein Vater von mir hatte, konnte ich nie genügen. Meine
Mutter gab mir auf jede Frage eine Antwort, egal wie heikel sie war. Sie mochte
mich trotz meiner Fehler.
Wie war es in der Schule?
In meiner Klasse hatte es Kinder von gut situierten Gewerbetreibenden, von
Metzgern, Bäckern und Besitzern von Kleidergeschäften. Dann waren da auch
Kinder vom reichen Rosenberg, den wir nur den Bonzenhügel nannten. Ich und
zwei, drei andere Kinder von mittellosen Eltern wurden ausgegrenzt. Auch war
ich eine Aussenseiterin, weil ich viel las und viel wusste. Ich machte in der
Schule nicht richtig mit, so dass ich für die Lehrerin ein rotes Tuch war.
Und deine Berufswünsche?
Ich wollte ein Sicherheitsoffizier wie Eva Pflug in «Raumpatrouille Orion»
werden. Mein Traummann war der Chef der Patrouille, gespielt von Dietmar
Schönherr. Dann imponierte mir der Beruf eines Bundesweibels in Bern, und
später, während meiner Pubertät, wollte ich wegen meiner Auflehnung gegen
alles nichts mehr werden.
Wie kamst du in die St. Galler Jugendszene?
Ich wollte Leute kennen lernen, die zeigten, dass sie anders waren. In der St.
Galler Innenstadt gab es den so genannten Kreis. Dieser bestand aus dem
Jugendhaus, dem Musikclub Africana und dem Gassenspunten Goliath. Im
Kreis verkehrten Rocker, Hippies und die ersten Junkies.
Wie verbrachtest du deine Freizeit?
Ich hatte heimlich einen Freund. Ich war vierzehn, er vierundzwanzig. Ich sah
ihn nur am Sonntagnachmittag. Ich hörte auf mit ihm, weil er begann, harte
Drogen zu konsumieren. Dann hatte ich einen anderen Freund - auch heimlich.
Eines Tages verhaftete uns ein Fahnder im Jugendhaus. Mein Freund wehrte
sich und wurde an den Haaren durchs Jugendhaus gezogen. Auf dem Posten
wurden wir wegen Verführung von Minderjährigen verhört, obwohl er nur ein
Jahr älter war. Er wurde als Erster entlassen. Kaum war er weg, wandte sich der
Polizist zu mir und sagte:
«Du weisst sicher, dass es um etwas anderes geht.»
«Um was denn?»
«Ja, um den Freund, den du vor diesem hattest. Woher hat er seine Drogen?»
Ich wusste von nichts. Auch wenn ich etwas gewusst hätte, ich hätte nichts
gesagt. Es gab eine lange Geschichte daraus. Das war ganz am Schluss der
Sekundarschule. Damit es nicht auffiel, musste ich jeweils am
Mittwochnachmittag zum Verhör, zu einer Polizistin. Die wollte aber nur wissen,
was ich mit einem zehn Jahre älteren Mann im Bett gemacht hatte. Ich
verweigerte die Aussage. Mein Vater war natürlich an der Decke und willigte ein,
mich durch die Bezirksärztin untersuchen zu lassen, ob ich noch Jungfrau sei.
Da mein Vater nie auf ein Amt ging, wurde meine Mutter vor den
Untersuchungsrichter zitiert, wo sie aufgefordert wurde, Anzeige wegen
Verführung und Missbrauch von Minderjährigen zu erstatten. In meiner
Anwesenheit las sie die Gesprächsprotokolle, schaute dann den
Untersuchungsrichter an und sagte: «Ich mache diese Anzeige nicht. Ich bringe
niemanden hinter Gitter!» Obwohl meine Mutter immer Angst vor meinem Vater
hatte, setzte sie sich zum ersten Mal gegen ihn durch. Ich war wütend und
begann an diesem System zu zweifeln.
Wie ging es für dich nach der Schule weiter?
Ich wurde Comestibles-Traiteur-Verkäuferin. Ich hatte einen despotischen Chef.
Wir durften nie lachen. Positiv war, dass ich lernte, verschiedene Arbeiten
gleichzeitig zu erledigen. Auch begann ich mit den Leuten zu reden, was ich ja
vorher nicht konnte - ausser auf die rebellische Tour.
Nach der Lehre jobbte ich, machte Ferien im Ausland und heiratete früh einen
Mann, der auch im Kreis verkehrte. Wir lebten neun Monate in Marokko. Ich
wurde schwanger. Kurz nach der Geburt meiner Tochter trennte ich mich von
ihm.
Wie konntest du dich alleine durchschlagen?
Ich wohnte bei einer jungen Wirtefamilie, hütete ihre Kinder und half am Buffet
aus. Ich arbeitete viel, weil ich möglichst bald wieder unabhängig sein wollte. Ich
lernte eine junge Punkfrau kennen, wohnte mit ihr ein Jahr zusammen und zog
dann mit ihr und anderen Leuten in ein Bauernhaus am Rande von St. Gallen.
Im Quartier waren wir als Kommune verschrieen. Die wildesten Gerüchte
zirkulierten über uns.
War das die Zeit, als es mit der Bewegung losging?
Anfang 1980 gab es in St. Gallen noch das Restaurant Posthalle. Bands aus
Zürich traten dort auf, eine hiess Absturz. Dann sollte die Posthalle
abgebrochen werden. Zuerst wollten wir das Haus besetzen, aber wir waren zu
wenig Leute. Da machten wir eine Scheinbesetzung. Wir rissen die Treppe
heraus, die vom Parterre in den ersten Stock führte, vernagelten unten alle
Spuntenfenster mit Verschalungsbrettern und hängten Transparente auf: «Wir
weichen nicht!» Am Morgen waren wir pünktlich vor Ort - als Gaffer. Der ganze
Tag war eine Slapstick-Komödie. Nur schon bis die Polizei merkte, dass gar
niemand im Hause drin war! Dann kamen Leute vom Bauamt mit grossen
Leitern und stiegen ins Haus ein. Jemand von uns nahm die Leitern weg und
versteckte sie. Irgendwann schrie der Chef vom Bauamt wütend aus einem
Fenster. Irgendein Privatdetektiv schlich herum und wollte unbedingt einen
alten Holzofen aus der Posthalle kaufen. Alles war so schräg. Doch die
Posthalle wurde abgerissen.
Hattest du keine Angst um deine Tochter, falls dir etwas zugestossen
wäre?
In St. Gallen lief alles glimpflicher ab als in Zürich. Die Demonstrationen waren
weniger militant und die Polizei zurückhaltender. Es war schon
aussergewöhnlich, dass es überhaupt eine Bewegung in St. Gallen gab, die
sich auf der Strasse zeigte, das Maul aufriss und Forderungen stellte. Meine
Tochter war nie dabei. Es war immer jemand bei ihr zu Hause, wenn ich weg
war. Mein damaliger Freund übernahm die Vaterrolle. So konnte ich weiterhin
nach aussen aktiv sein.
Es gab immer wieder ungemütliche Szenen mit der Polizei. Bei einem
Protestumzug gegen den Abbruch der Posthalle gingen wir auf der einen Hälfte
der Fahrbahn. Plötzlich fuhr ein Gefangenentransporter vor. Türe auf, Polizisten
mit Hunden drängten uns - wir waren etwa dreissig Leute - an einen Zaun und
verhafteten uns. Die Polizisten schienen von ihrer Aktion selbst überrascht zu
sein und sperrten uns einfach in eine grosse Putzkammer. Nur mit Tränen und
Klagen konnte ich durchsetzen, dass sie mich freiliessen, weil ich zu Hause ein
Kind hatte. Zwei junge Basler, die auf Besuch nach St. Gallen gekommen
waren, hatten in der Nähe der Posthalle gehört, dass ich verhaftet worden war.
Sie gingen ins Bauernhaus, um zu schauen, ob sich jemand um meine Tochter
kümmerte. Natürlich war jemand im Haus. Ich fand es lässig, dass die beiden
daran gedacht hatten. So half man sich damals aus. Wir waren wie eine Sippe,
gaben aufeinander Acht und hatten gemeinsame Ziele. In den Zeitungen
wurde das damals abschätzig als Polittourismus bezeichnet. Aber wir liessen
uns nicht von Leuten aus anderen Städten dreinreden. In St. Gallen hatten wir
unseren eigenen Stil.
Warum habt ihr euch Güller Bewegung genannt?
Gülle heisst ja Jauche, Scheisse, und wir nannten St. Gallen immer Gülle; ein
Wortspiel, das unsere Unzufriedenheit zum Ausdruck brachte. Bald hatten wir in
St. Gallen ein AJZ erkämpft. Es gab aber immer wieder Auseinandersetzungen
mit den so genannten Obersträsslern. Das waren Rabauken, eine Art
Halbstarke. Die fuhren ins AJZ ein, schlugen alles kurz und klein und kamen am
andern Tag zurück, um uns beim Instandstellen zu helfen. Wir versuchten, mit
ihnen ins Gespräch zu kommen. Dann stellten sie ihre Störaktionen ein. Sie
waren völlig frustriert vom Leben in diesem Güllen, waren gleich alt wie wir,
hatten kein Geld und waren nirgendwo willkommen.
Wir hatten eine eigene Zeitung. Die hiess «Schleppscheisse». Wir legten Wert
auf ein schönes Layout und schrieben Artikel über die Bewegung, Kultur und
Politik - zum Beispiel über den Nordirland-Konflikt. Wir konnten die Zeitung in
einer Druckerei drucken, wo jemand arbeitete, der mit uns befreundet war, aber
nicht zur Bewegung gehörte. Ich hielt auch sonst den Kontakt zu Leuten
aufrecht, die ich von früher kannte. Es war ein Schutz für mich, Freunde
ausserhalb der Bewegung zu haben.
Welche Erfahrungen hast du mit den Behörden gemacht?
Ich brauchte Jahre, bis ich in der Öffentlichkeit reden konnte. Hingegen war ich
dabei, wenn nach den Vollversammlungen im kleineren Kreis mit den
Behördenvertretern und den Sozialarbeitern diskutiert wurde. Ich fand es toll,
dass wir ein AJZ hatten. Doch für mich war es eine Art Kuhhandel. Wir erhielten
einen Raum und hatten nun ruhig zu sein. Wir wollten doch die Gesellschaft
ändern, das System aufweichen! Ich musste zur Kenntnis nehmen, dass viele
Leute schon mit dem kleinen Finger zufrieden waren. Man war nun mit dem
Instandsetzen und Instandhalten dieses Raums beschäftigt. Um Geld zu
verdienen, arbeitete ich halbtags als Zimmermädchen.
Habt ihr mehr erreicht als ein Autonomes Jugendzentrum?
Nach kurzer Zeit brannte das AJZ auf mysteriöse Weise ab. Wieder waren wir
ohne Raum und begannen, in leer stehenden Liegenschaften Konzerte und
Filmvorführungen zu veranstalten. Wir nannten uns Mobile Aktionshalle. Dann
zettelten wir einen Kulturgelderkrieg an und führten einen kommunalen
Abstimmungskampf um ein alternatives Kulturzentrum. Wir gewannen, und die
Grabenhalle ist für St. Gallen bis heute ein wichtiger Ort.
Die Stadt renovierte die Halle und stellte die Infrastruktur und einen jährlichen
Betriebskredit zur Verfügung. Eine Interessengemeinschaft verwaltete die Halle
und koordinierte das Programm. Die Veranstalter zahlten keine Miete, aber sie
mussten alles selber machen: Werbung, Eintrittskasse, Aufbau der Bühne,
Technik organisieren usw. Für mich war die Grabenhalle ein Instrument, um
wichtige gesellschaftliche Themen aufzugreifen. Auch war sie der Ort der neuen
Kultur. Ich arbeitete sechs Jahre als Koordinatorin im Büro der Grabenhalle.
Wie kam die bewegte Szene mit dem Kulturkuchen aus?
Im Grossen und Ganzen gut. Es gab immer wieder Ressentiments auf beiden
Seiten, aber auch gemeinsame Interessen. Eine mittelgrosse Stadt wie St.
Gallen ist wie ein Puppenhaus: Man kennt sich und weiss einiges voneinander.
Die Bewegung bestand vor allem aus Leuten aus der Unter- und Mittelschicht,
mit ein paar wenigen aus der oberen Mittelschicht. Mit denen kam ich nie richtig
klar, weil sie einen Dünkel gegenüber uns hatten, die nichts besassen. Es hatte
auch einige aus Lehrerfamilien. Die waren auch wieder ein bisschen anders. Es
war also ein ziemlich zusammengewürfelter Haufen.
Wie ging es für dich nach dem Ende der Güller Bewegung weiter?
Die Bewegung hatte mich geweckt. Ich wollte nicht aufhören, aktiv zu sein und
etwas zu verändern, nur weil aus der Bewegung die Luft raus war. Ich
engagierte mich in der Gewerkschaftsarbeit, im 1.-Mai-Komittee und für die
Antiapartheidbewegung in Südafrika. Die Arbeit in den Komittees war trocken
und machte mir manchmal Mühe. Immer nur reden, und wenig geschieht.
Gegenwärtig bin ich politisch nicht tätig. Ich kümmere mich wieder mehr um mein
Privatleben. Seit zehn Jahren arbeite ich in der Stiftung Suchthilfe St. Gallen.
Aus einer kleinen Organisation entwickelten wir nebst anderen Betrieben die
heroingestützte Behandlung. Das war spannende Pionierarbeit unter
schwierigsten Bedingungen.
1980 dachten wir nicht, dass die Bewegung solch lange Auswirkungen auf
unser Leben haben würde. Es war eine Jetzt-Bewegung. Wir wollten unmittelbar
etwas erreichen und nicht erst morgen. Das war das Attraktive daran. Heute
braucht es wieder solche Impulse. Von neuen Leuten und auf ihre Art.