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Mails > Texte lesen > Roland Heer

Eingesandte Erinnerungstexte

VerfasserIn: Roland Heer (Zürich).

(aus: BULWAR - ein Magazin, das ein einziges Mal erschien in einer Auflage von 500 Stück, wenn ich mich recht erinnere. Geschrieben, gelayoutet, verkauft haben wir - Roman Koch, Markus Seiler, Anka Schmid, Roland Heer - es vor dem AJZ, vor der Roten Fabrik, an Demos. Es war ein echt schön gemachtes Heftli, relativ innovativ in der Aufmachung, inhaltlich à jour, aber halt schon auch noch spürbar angekränkelt vom Gefängnismief, der damals über Zürich gelegen haben muss...)


Die Demonstration,
die programmgemäss an einem schönen Herbsttag,
der wie von Gott,
der stolz auf seine Kinder,
die sich weniger ihm zu Ehren
als um des Demonstrierens willen,
dem männiglich auf den Strassen,
welche den Gaffern,
die den schiesswütigen Spitzeln und Fotografen,
um die es ja eigentlich überhaupt nicht ging bei diesem Anlass,
der sich vielmehr gegen die fragwürdige Kulturpolitik der Behörden,
die doch vom Volk,
das am Rand der Strasse,
auf welcher tausend Paar Anarchofüsse,
die je einen fremden Körper,
für dessen besseres Befinden die Jungen,
scharf getrennt von der älteren Generation,
die dem Treiben,
das bestimmt von ein paar wenigen Drahtziehern,
denen es ja sowieso nur ums Haschisch,
das einen beliebten Gesprächsstoff bildet und Erinnerungen an vergangene Flipps ermöglicht,
läck dött bini total sackzue gsi,
und doch immer beherrscht bleiben in seiner Maske,
obwohl das auch dem biedersten Freak,
dem die Bourgeoisie Lockapfel und Stein des Anstosses,
die jedenfalls genug Gesprächsstoff,
um den es ja schlussendlich geht und der die Ergötzung,
die ja die Hauptsache des Tages,
auf den es zwar nicht ankommt,
an dem aber doch die Leute zusammenkommen,
um ihren Idealismus oder am liebsten doch ihrer Konsumlust,
die halt DAS Überbleibsel der Gesellschaft,
die wir immer noch in uns tragen,
ist,
Genüge zu tun,
war,
ermöglicht,
bildet,
ist,
schwerfallen muss,
geht,
organisiert worden war,
verständnislos gegenüberstand, überhaupt auf die Strasse gingen,
trugen,
sich vorwärtsbewegten,
herumstand,
gewählt worden waren,
richtete,
in nichts nachstanden,
gesäumt waren,
frönte,
versammelt hatten,
herunterblickte,
bestellt war,
stattgefunden hatte,
war wirklich nett.
Ich betone es:
die Demonstration war wirklich nett.
(R.H.)

Dass die 80er-Jahre viel mehr eine Bewegung der Formen als der Inhalte waren, sieht man diesem Text natürlich an (der im übrigen eben wirklich nur ein früher Text eines damals erst 20jährigen ist...). Die Inhalte hatten schon weitgehend abgedankt, sie entlockten uns nur noch ein höhnisches Lachen. So etwas wie ein Inhalt konnte jedenfalls, wenn überhaupt, nur noch verkleidet in neuen Formen geäussert werden.

Wir explodierten in neue Gestaltungsweisen, in neue Darstellungsarten hinein. Da waberte und wucherte es denn rhizomisch, wir suchten neue Sprachen, andere Formen des Ausdrucks, der Lebensgestaltung, des Zusammenlebens, mein Gott tönt das pathetisch.

Über diese neuen Formen ist, wie ich das sehe, in einem länger dauernden Prozess Zürich erst recht eigentlich zu dem geworden, was es heute ist. Zu überwinden gab es allerdings zuerst Jahre der versandenden Energie, der Depression. Aber natürlich hat sich's gelohnt. Ich bin jedenfalls erst mit den 80ern erwacht und erwachsen, zu so etwas wie einem halbwegs bewussten Wesen (und, nur so ganz nebenbei gesagt, vor allem zu einer Art von Dichter) geworden - ich weiss nicht, wie das ohne die 80er passiert wäre.

Erinnerungen an vorher, an die 60er, die 70er hab ich schon, an verendende Meerschweinchen, an die erste Mondlandung, die für mich in Adliswil an den trüben Gestaden der unsäglichen Sihl stattfand; ich glaube, Zürich muss damals ein schrecklich verbohrtes Kafff gewesen sein, die Schweiz, Europa, die Welt ein unerträglich biederer Ort.

Zürich ist in den 80er entzweigebrochen wahrhaft wie ein Eisberg - aufgebrochen, losgedriftet, mein Gott wie das tönt. Und das Bild ist natürlich falsch. Zürich ist nirgendwo hingegangen. Wir sind noch immer da, wo wir sind, und das ist ja nicht immer lustig.

Aber Zürich ist zu einer urbanen Fläche, zu einem erträglichen Stück Erde geworden, was weiss ich. Es lässt sich hier doch so ungefähr leben, stimmt doch, oder?

Also sprach rolandheer@bluewin.ch

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