|
Mails > Texte lesen > Viviane Schwizer
Eingesandte Erinnerungstexte
VerfasserIn: Viviane Schwizer (Zürich).
Beitrag 1
Verbetonierte Welt vermenschlichen
Pfarrer Ernst Sieber erinnert sich an die Weihnachtsaktion 1980
Im Jahre 1980 war Ernst Sieber Pfarrer in Zürich-Altstetten. Er hatte sich aber schon seit den 68-er Jahren einen Namen gemacht als engagierter Obdachlosenpfarrer. Wohl auch weil er den Kontakt zu
Randgruppen und später zur Szene kannte, wurde er von der Versammlung der vereinigten Seelsorger der reformierten, der katholischen und der christkatholischen Kirchen der Stadt Zürich am 10. Dezember 1980 in der Helferei in die Delegation gewählt, die sowohl mit dem Stadtrat wie mit
der «Bewegung» über die «Aktion offenes Haus» an Weihnachten, allenfalls auch über Neujahr, verhandeln sollte.
Zur Delegation gehörten weiter von der reformierten Kirche: Dekan Walter Leuthold, Dekan Ewald Walter, die Pfarrer Paul Frehner, Ulrich Grässli, Peter Spinnler, Christoph Stückelberger, Monika Wolgesinger. Von katholischer Seite kamen dazu: Dekan Anton Camenzind, Vizedekan Peter
Wittwer, Hansruedi Häusermann, Viktor Hofstetter, Reto Müller. Mit von der Partie war auch der christkatholische Pfarrer Arnold Moll. Die oekumenische Delegation im Auftrag der ganzen Stadtzürcher Pfarrerschaft hatte sowohl das Einverständnis der beiden Stadtverbände wie der Pro Juventute, was für die «im evangelischen Auftrag der Versöhnung» verhandelnde Pfarrerschaft einen grossen Rückhalt bedeutete.
Pfarrer Ernst Sieber: «Ohne Eigenlob darf die Feststellung gemacht werden, dass die Kirchen mit ihrer gemeinsamen Eingabe grossen Glaubensmut bewiesen hatten. Die Delegierten legten auch politisches Geschick an den Tag, indem sie sich bereit erklärten, zusammen mit der Stadt und einer Vertretung der Bewegung die Trägerschaft für ein selbstverwaltetes Jugendzentrum an der Limmatstrasse zu übernehmen.» Vorgesehen war ein Betrieb «im Rahmen der Gesetzgebung, aber ohne zusätzliche Vorschriften».
Fehlende Freiräume für die Jugend
Pfarrer Ernst Sieber erinnert sich noch genau an die Tage vor Weihnachten 1980, als die Spannungen in Zürich zunahmen. «Das Grundgefühl der bewegten Jugendlichen war, in einer Gesellschaft zu leben, welche die Natur zerstört und das Zusammenleben in einer Stadt
unmöglich macht». Die Jugendlichen rebellierten zwar, aber sie wurden von der bürgerlichen Gesellschaft schlicht nicht ernst genommen. Dies führte zur Sinnkrise, zu Unsicherheiten, damals nicht zu Resignation, sondern zu eruptiven Ausbrüchen und Manifestationen der Auflehnung. Die
verbetonierte Stadt war in den Augen der Jugendlichen sowieso längst nicht mehr schützenswert, sondern nur noch tote Zielscheibe. Pfarrer Ernst Sieber lehnte die Zerstörungen zwar kategorisch ab und plädierte für Gewaltlosigkeit. Er schreibt die Zerstörungswut heute einer Minderheit von wenigen ? zum Teil alkoholisierten - Vandalen zu, die durch die enormen Sachbeschädigungen und die Gewaltausbrüche «dem Befreiungskampf der ´Bewegten´ insgesamt leider grossen Schaden
zufügten». Ernst Sieber zitiert gerne die auf Hausmauern gesprayten Sprüche, die besser als jede Diskussion zeigten, worum es den jungen Menschen damals ging. «Unsere Kultur ist die Bejahung des Lebens und die Verneinung der Todeskultur». «Jeder Stein, der abgerissen, wird von uns
zurückgeschmissen», bezog sich auf den Abbruch von Häusern. Der Bau einer Autobahnbrücke wurde kommentiert mit «Hier starb das Leben».
Hand bieten zum Dialog
Als der Stadtrat das AjZ an Weihnachten nicht freigab, eskalierte die Situation. Die Jugendlichen machten unter dem Motto «No AJZ ? No Weihnacht» mobil. Die Pfarrerschaft entschied darum spontan, für den Heiligen Abend zu einem friedlichen Demontrationszug aufzurufen. «Es ging nicht um das Propagieren einer politischen Ideologie» erinnert sich Ernst Sieber,«sondern um ein pragmatisches Handeln, um eine Eskalation zu verhindern und im christlichen Sinn zum Dialog aufzurufen». Ziel sei gewesen, «ein Problem, das in Gewalt auszuarten drohte, friedlich zu lösen».
Nachdem am Bürkliplatz in Erinnerung an die Kappeler Milchsuppe Suppe verteilt worden war, stellten sich die Pfarrherren an die Spitze des Demonstrationszuges.
Ernst Sieber erzählt, wie wenn es gestern gewesen wäre: «Umrahmt vom Dekan der katholischen Kirche Anton Camenzind und dem Präsidenten des städtischen Pfarrkonventes Ulrich Grässli marschierte auch ich in vorderster Front mit, getragen von der felsenfesten Ueberzeugung, dass
die Kundgebung echt weihnachtlich verlaufen würde».
Beidseitige Aggressionen
Die Jugendlichen strömten zu Tausenden auf die Strasse. Die Stimmung war aggressiv. Einige Gruppen begannen die Polizei vor dem abgeriegelten Jugendzentrum zu provozieren.» Via Megaphon habe die Pfarrerschaft die Jugendlichen zur Ruhe aufgerufen. Sieber weiter: «Mein reformierter Amtskollege Ueli Grässli verriet mir, wie er in dieser ungemütlichen Situation heil davonkommen werde. Er sei im Besitze eines Presseausweises, der ihn schütze. Doch ausgerechnet ihn erwischte es zuerst. Mit schweren Wasserwerfern hat die Polizei das Ledermäppchen von Ueli weggefegt und ihn im Nu pudelnass gemacht». Dem katholischen Kollegen Anton Camenzind sei es nicht besser ergangen. Sein Beret sei schon vom Luftzug des Wasserstrahls in die Sihl geschleudert worden. Auch Ernst Sieber wurde mit Wasser abgespritzt: «Obwohl ich mir vorsichtshalber die Kapuze der Pelerine über den Kopf gezogen hatte, durchweichte mich die Nässe in kürzester Zeit, sodass ich erbärmlich fror».
Christus-Zeugnis leben
Die Situation spitzte sich an diesem Weihnachtsabend weiter zu. In der Bevölkerung wuchs die Angst, die Demonstration könnte eskalieren. Pfarrer Ernst Sieber wurde ins Fernsehstudio gebeten, um Worte an die rebellierende Jugend und an die verunsicherte Oeffentlichkeit zu richten. Unter dem Motto ´Hand bieten jetzt an Weihnachten´ versuchte Ernst Sieber beide Parteien zum Dialog zu motivieren. Es dürfe an Weihnachten nicht zum «Einnachten» kommen, argumentierte er. Seine Voten wurden nur zum Teil gouttiert. Sie hätten ihm von bürgerlichen Kreisen schreckliche Beschimpfungen wie «Dreckpfaff», «Saupfaff» und so weiter eingetragen, erinnert er sich. Da hätte er sich nur damit zu helfen gewusst, indem er gesagt habe: «Pfaff? Pfaff? Meinen Sie die Nähmaschine?»
Erfreuliche Oekumene
Im Rückblick auf die «Weihnachtsaktion 1980» freut sich Ernst Sieber besonders über die damals gelebte Oekumene, die sich nicht nur im Feiern von gemeinsamen Gottesdiensten und in theologischen Gesprächen manifestieren dürfe. «Oekumene ist auch gemeinsames Zeugnis in
öffentlichen Fragen», sagt Sieber. Dieses begründe sich im Bibelwort (2. Kor. 5,17ff): «Wer zu Christus gehört, ist ein neuer Mensch geworden..» Es gehe nicht um Ausgrenzung und Feindschaft, sondern umd den gemeinsamen evangelischen Auftrag der Kirchen zugunsten von Frieden und
Gerechtigkeit. Die Not müsse gehört und gelindert werden, selbst wenn sie sich in Krawallen von Jugendlichen äussere. Ernst Sieber: «Wir müssen immer wieder den Mut haben, das Christuszeugnis in die Tat umzusetzen, selbst wenn wir nicht von allen Seiten Lob und Unterstützung erfahren.»
Beitrag 2
Freiräume schaffen - Eigenständigkeit fördern
Die Jugendunruhen aus der Sicht des Stadtverbandes der evangelisch-reformierten Kirche der Stadt Zürich
Sowohl reformierter- wie katholischerseits waren sich die verschiedenen kirchlichen Gremien im Krawalljahr 1980 einig, die Jugendlichen trotz ihrer Probleme nicht ausgrenzen, sondern ernstnehmen und unterstützen zu wollen. Ueber die Art und Weise des Vorgehens waren die einzelnen Gruppierungen aber unterschiedlicher Auffassung. Während der Kirchenrat, die katholische Zentralkommission, der katholische Stadtverband und die ebenfalls mittragende Organisation Pro Juventute sich für die Aufrechterhaltung des Autonomen Jugendzentrums Zürich (AJZ) stark
machten, plädierte der reformierte Stadtverband mehrheitlich für andere Lösungen.
«Unhomogenität» als Problem
An der angesichts der kritischen Lage kurzfristig einberufenen Sitzung der reformierten Zentralkirchenpflege vom 11. März 1981 war die «Unhomogenität der Bewegung» ein massgeblicher Begriff. Paul Frehner, Mitglied der Zentralkirchenpflege und Pfarrer in Zürich-Hottingen, unterschied die Jugendlichen grundsätzlich in drei Gruppen. «Eine erste Gruppe sind die Jungen, die echt beunruhigt sind über die Begleitumstände unserer Zeit und Zivilisation (Verbetonierung der Stadt, Lärm, Umweltverschmutzung, Wohnungsnot usw.). Eine zweite Gruppe sind die in unserer Gesellschaft ´gestrauchelten´ Drogenabhängigen, echt menschlich Heimatlose, Randgruppen unserer Gesellschaft. Die dritte Gruppe sind die Mitglieder des sogenannten ´harten Kerns´ der Bewegung, die die Anliegen der vorerwähnten Gruppen aufgenommen haben, diese verquicken, verpolitisieren, ideologisieren und zum Teil gefährlich missbrauchen.» Der Verbandsvorstand sah Schwierigkeiten, diese verschiedenen Gruppierungen zu entflechten, um dann die «Richtigen» nach
Möglichkeit zu unterstützen. Trotz Verständnis für die grosse Gruppe von problembeladenen Jugendlichen , «......(den) Unbehausten und Ungeborgenen,....den geistig Desorientierten, in ihrer menschlichen Existenz Gefährdeten, die im Verlust von Lebenssinn, aus Sinnleere dem Verzweifeln nahe sind» (Protokoll der obgenannten Zentralkirchenpflege-Sitzung) widersetzte sich der Verbandsvorstand einer uneingeschränkten Unterstützung der Bewegung: Die «grundsätzlich krawallorientierte Gruppe,.....die grundsätzlich konfliktorientierte bösartige Komponente in der ´Bewegung´ , (die)....bandenmässig und zielbewusst mit ihren zerstörerischen Aktionen grossen Schaden stiften und fortgesetzt systematisch die Rechtsordnung brechen, (dürfe) nicht aus christlichem Verstehen und kirchlicher Gutmütigkeit übersehen und verharmlost werden...»
Harte innerkirchliche Diskussionen
Die Argumente Für und Wider AJZ führten in der Versammlung nicht zu einem Konsens. Unterstützung fand neben dem AJZ auch die «Rote Fabrik», das zweite Projekt des Stadtrates: In den (Frei-)Räumen der Roten Fabrik in Zürich-Wollishofen sollten die Jugendlichen ihre Freizeit und Kultur eigenständig leben und ausgestalten können. Paul Frehner setzte sich mit einem Antrag für die Wiedereröffnung des AJZ ein, wobei sich der Verband mit einem Betrag von 125´000 Franken
Verband an diesem Vorhaben beteiligen sollte. Unterstützung bekam der Votant unter anderem von Werner Schädler, Berufsschullehrer und Vorstandsmitglied. Er sei zwar auch «schockiert» über die enormen Sachbeschädigungen und Plünderungen bei den Ausschreitungen, zeige aber «für gewisse Gefühle der Ohnmacht der jungen Menschen, hervorgerufen durch politische, wirtschaftliche und
gesellschaftliche Sachzwänge etwas Verständnis». Die Kirche sollte die Chance nutzen an der Entspannung weiter mitzuwirken, nachdem bereits die kirchliche Weihnachtsaktion zum Teil erfolgreich war. Selbstkritisch fügte er hinzu: «Auch in unserem Rechtsstaat geschieht viel
Fragwürdiges». Für das AJZ sprach sich Werner Schädler auch aus, weil das Jugendhaus den Jugendlichen schon seit längerer Zeit versprochen war. Diese Verpflichtung sei einzuhalten.
Anderer Meinung waren andere Vorstandsmitglieder: Für Alfred Ernst, Jurist damals Vizepräsident des Vorstandes, steht fest: «Die Diskussion auf kirchlicher Seite wurde damals fast ausschliesslich von der Kantonalkirche geführt. Dabei war eine sehr deutliche ´Apeasement-Politik´ gegenüber der AJZ-Bewegung festzustellen. Der Stadtverbandsvorstand stand diesen Tendenzen und Bestrebungen klar ablehnend gegenüber.» Alfred Ernst sieht bis heute im Aufruhr der 80er Jahre eine Parallele zu den 68er Unruhen, den sogenannten «Globuskrawallen», wo bereits Forderungen der Jugendlichen nach Autonomie gestellt wurden, jedoch ohne Verantwortung zu übernehmen. Da das Jugendzentrum erneut «autonom» sein sollte, also ausgeschlossen von jeglicher Rechtsordnung, war Alfred Ernst stets strikte dagegen. Er unterstützte jedoch das Engagement von Pfarrer Ernst Sieber, der den verelendeten Drogenabhängigen Hilfe anbot.
Neben dem Antrag Frehner, stellte J. Fischer, Mitglied der Zentralkirchenpflege und Pfarrer in Zürich-Affoltern, einen Antrag «auf Beteiligung des reformierten Stadtverbandes am Projekt ´Rote Fabrik´».
Die Zentralkirchenpflege entschied sich mehrheitlich für die Unterstützung des Projektes «Rote Fabrik» ( Antrag Frehner: 23 ja-Stimmen; 29 nein-Stimmen; Antrag Fischer: 32 ja-Stimmen, 20 nein-
Stimmen) . Die Debatte in der ZKP über das AJZ war damit aber noch nicht zu Ende: ZKP-Mitglied A. Hugentobler beantragte am 23. September 1981 im Auftrag der Kirchenpflege und der Pfarrerschaft von Zürich-Witikon auf das Geschäft «Mitunterstützung des AJZ» zurückzukommen. Dem Antrag wurde stattgegeben. Am 3. März 1982 wurde darüber abgestimmt. Da der Verbandsvorstand zu diesem Zeitpunkt fast ein Jahr nach der ersten Abstimmung angesichts der sich verschärfenden Situation im AJZ keineUebernahme der Trägerschaft und keine Mitfinanzierung des AJZ mehr
anstrebte, wurde das Geschäft erneut abgelehnt.
Hilfe in verschiedenen Bereichen
Die Zentralkirchenpflege entschloss sich, im Anschluss an die AJZ-Debatte in verschiedenen «Anschlusswerken» Unterstützung zu leisten. Ein grosses Anliegen war ihr vor allem die Not der Drogenabhängigen. Daher wollte sie mithelfen «das schwerste und verheerendste Sozialproblem im und um das AJZ - das Drogenproblem» anzugehen. Sie stimmte in der Sitzung vom 3. März 1982 dem «Aufbau einer Drogenentzugsstation mit niedriger Eintrittsschwelle auf dem Platz Zürich» zu. Dafür sprach sie bedeutende Kredite: Für das Jahr 1982 150´000 Franken; für das Jahr 1983 200´000 Franken. Auch in Sachen Wohnungsnot wurde das kirchliche Stadtparlament aktiv: Es
unterstützte die Initiative zur Gründung des Vereins Jugendwohnhilfe. Der Verein hat laut Alfred Ernst zum Ziel, für Jugendliche, die aus irgend einem Grund nicht bei den Eltern wohnen können oder wollen, finanziell günstigen Wohnraum zu beschaffen. Der reformierte Stadtverband hat dieses Vorhaben finanziell unterstützt. Der Verein konnte ab 1983 günstigen Wohnraum für bald einmal 300 Personen, später sogar für bis zu 1000 Personen beschaffen. Der Verein hat bis heute
Bestand. Im weiteren schuf der Stadtverband im Nachgang der Jugendunruhen auf Begehren des städtischen Pfarrkonventes (1981) eine «Kirchliche Stelle für Jugendarbeit». Geschaffen wurde eine Stelle für einen Jugendbeauftragten, dem eine Jugendkommission zur Seite stand. Der Jugendbeauftragte sollte vor allem die dem Verband angehörenden Kirchgemeinden in allen Fragen, welche die Jugend betreffen, beraten und unterstützen, und daneben auch Veranstaltungen durchführen. Auch diese Institution hat bis heute Bestand.
Übersicht Texte lesen
Texte einsenden, erfassen, veröffentlichen
|
|