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Eingesandte Erinnerungstexte
VerfasserIn: Stefan Müller (Zürich).
Leben und Sterben eines Biotops - Vom Mehrwert des Wohnens
Ein 80-er Zeitgenosse entsinnt sich an das "Wohnexperiment" an der Zürcher Habsburgstrasse.
Was sie uns wirklich wert war, wurde uns erst bewusst, als sie nicht mehr war, die "Habi": nämlich eine Oase inmitten des Packeis überzogenen Zürichs. Kern dieser Oase war eine abgewirtschaftete Dreizimmerwohnung in einem sanierungsbedürftigen Mehrfamilienhaus, eingegliedert in eine typische Zürcher Blockrandbebauung. Das Objekt der Erinnerung lag an der Habsburgstrasse in Zürich-Wipkingen, daher der Name "Habi". Da lebten wir zu dritt, zeitweilig sogar zu viert. Von dieser Warte erlebten wir die ominösen 80-er Jahre, die so genannten Jugend-unruhen, die Wohnungsnotbewegung und den dazugehörigen Häuserkampf. Das AJZ war damals schon eingestampft, eingeebnet und zu einem Carparkplatz umfunktioniert; viele Hoffnungen, Wünsche, Ideale waren bereits eingedampft, eingemottet oder vollends zerschlagen.
Ich indessen freute mich, endlich der familiären Enge und vor allem dem ungnädigen Zwangskorsett meiner vierjährigen Fabriklehre zu entkommen. So zog ich 1983 zusammen mit einem Freund an die Habsburgstrasse.
Das Haus steht zu diesem Zeitpunkt ganz im Zeichen eines Generationenwechsels. Ältere Menschen sterben oder ziehen weg, jüngere kommen nach. Wir sind, vor allem nachdem sich der jüngere Bruder meines Freundes dazu gesellt hat, weitaus die Jüngsten. So nennt man uns im Haus bald "die Jungen". Mit der Zeit wächst ein intensives Geflecht von Kontakten und Beziehungen quer durch das ganze Haus. Einladungen, Feste, gemeinsame Unternehmungen sind die Folge. Zentraler Treffpunkt ist dabei unsere Wohnung, im Sommer verlagert sich das Geschehen allerdings häufig in unsere "erweiterte Stube", der begrünten Dachterasse. Für die hitzigen Gemüter (z.B. nach einer jener zahlreichen Demos, die wir kaum jemals versäumen) gibt es eine Badewanne und für die SternenanbeterInnen Matratzen, von denen auch rege Gebrauch gemacht wird. Einmal nistet sich sogar ein quartierbekannter Clochard fest im Dachstock ein, was selbst uns, "Leuten mit losen Sitten", nicht ganz behagt.
Nach dem erfolgreichen Lehrabschluss scheint mir nun eine Zeit angebrochen, in der nicht eine solide Berufskarriere ansteht - wie es sich gehört -, sondern eine Zeit der grossen Sehnsüchte; Ideen und Pläne zuhauf, diffus, aber lustvoll. Nach Jahren des Müssens, des Fremdbestimmtseins will ich endlich tun und lassen, was mir hundertprozentig beliebt. Ich will in den Tag hineinleben und das Sein mit Hingebung geniessen. Dieses Gefühl teile ich mit meinen FreundInnen, "Tagedieben" wie ich.
Den Lebensunterhalt verdient es sich in dieser Zeit relativ leicht, abgesehen davon, dass Arbeiten, insbesondere geregeltes, in unseren Kreisen verpönt ist, "eine Sache der Bürgis". Wir wollen nicht möglichst viel Freizeit, sondern möglichst viel Zeit zum Leben abseits der Lohnarbeit. Mit Gelegenheitsjobs von wenigen Monaten Dauer bringen wir uns komfortabel über das Jahr. Die günstige Wohnung und das weit gehende Teilen der Kosten in der WG und ein nach gängigen Massstäben äus-serst genügsamer Lebensstil tragen das Ihrige dazu bei.
Viele fragen uns immer wieder verständnislos, was wir den ganzen Tag über tun, wenn wir nicht arbeiten. Nun ganz einfach. Zunächst einmal tüchtig ausschlafen, dauern doch die Nächte zuweilen sehr lange. Es folgt ein ausgiebiges Frühstück, Haushalten, die Wohnung besser oder praktischer einrichten (selfmade ist en vogue). Das Wohnen ist uns sehr wichtig.
Das Wohnen wird zum eigentlichen Zentrum unseres Lebens, umso mehr Wert legen wir auf die Gestaltung der Wohnung. Punk ist dabei nicht nur die tägliche Begleitmusik, sondern vielmehr eine Lebensphilosophie - Punk als Synonym für Anarchie. Diese Philosophie findet auch seinen Ausdruck in unserem Wohnstil. Unser Verständnis als Wohnungsmieter entspricht folglich nicht ganz den üblichen Vorstellungen. Wir verhalten uns mehr als Hauseigentümer denn als Mieter. Dies dürfte unser realen Vermieterin und ihrer Schwester, die uns von ihrem Wohnsitz im Hinterhof stets mit Argusaugen beobachtet, wohl ein Dorn im Auge sein. Wir streichen die Wohnung nach unserem Geschmack: Fenster- und Türrahmen in allen Farben des Regenbogens, das Badzimmer zu einem Südseeparadies, wo einzig das Meeresrauschen fehlt. Auch die Schlafzimmer erhalten einen gründlichen Aufputz. Das eine Zimmer verwandelt sich mit seinen Schwartenhölzer zu einem Rustico, während das andere Zimmer mit seinem gigantischen Hochbett mehr zu einer Blockhütte denn einem Schlafgemach wird.
Eines Tages kommt die Schwester der Vermieterin zu einem (Kontroll-) Besuch. Sie tritt unangekündigt in die Wohnung ein und ihr Blick fällt unmittelbar auf das frisch gesprayte UDSSR-Emblem, Hammer und Sichel, an der Küchenwand. Wie vom Schlag getroffen, macht die Frau rechtsumkehrt und ward von diesem Augenblick an in unserer Wohnung nimmer gesehen.
Alles Vorkommnisse, die bei unserer Vermieterin zunehmend weniger auf Gegenliebe stossen. Handelt es sich doch bei der Liegenschaft um das Haus ihrer Eltern. Wir schaffen es aber immer wieder, die rotköpfige, leicht cholerische Frau zu besänftigen. Gleichwohl sollte uns Jahre später die mangelnde Gegenliebe unserer Vermieterin zum Verhängnis gereichen.
Was tun wir sonst noch, wenn wir nicht gerade mit unserem "Bijou" beschäftigt sind? Wenn die Sonne scheint, gehen wir etwa der Sonne nach oder Leute besuchen. Abends drängen wir zu mehrt - Gäste sind regelmässig zugegen - um den grossen, abgewetzten Holztisch in der engen Küche und führen uns ein gepflegtes Nachtmahl zu. Gekocht wird nämlich viel und gerne und nicht selten opulent. Anschliessend veranstalten wir vielleicht eine Spielrunde bei Bier und Joint, die alleweil mal bis in die Morgenstunden dauern kann. Oder wir pilgern an ein Konzert, um uns unser Lebenselexier, den Punk, in der Roten Fabrik oder woanders zuzuführen. Für solche Konzerte reisen wir auch im voll gestopften Auto durch die halbe Schweiz, manchmal sogar ins nahe Ausland. Beim Pogo tanzen und Bier trinken rauschen wir ab ins Morgengrauen, das abgetakelte Outfit durch und durch Schweiss getränkt. Zugedröhnt, abgetanzt, zugleich befriedigt nehmen wir den Weg nach Hause unter die Füsse oder Räder.
Musik ist uns überhaupt sehr wichtig: morgens zum Aufwachen, tagsüber und nachts zum Einschlafen, meist Punk oder irgendwelchen Underground-sound. Natürlich machen wir alle auch selbst Musik. Denn die Punk-Philosophie verschafft jedem oder jeder die Möglichkeit, ein Musikinstrument in die Hand zu nehmen und damit anzustellen, was sie oder er will. Egal, wie das Ergebnis klingt. Hauptsache es macht Spass. Einen regnerischen Nachmittag oder eine halbe Nacht verbringen wir in der miefigen Betongruft eines Luftschutzraumes und bearbeiten abwechslungsweise ein Instrument, so lange, bis uns die ersten Blasen an den Fingern, gereizte Stimmbänder und ein Krampf im Arm zwingen aufzuhören, und wir betäubt und erschöpft den Nachhauseweg antreten können.
Das Lebenskünstlertum an der Habi nimmt 1990 ein jähes Ende, das Ende des Biotops Habi ist eingeläutet. Über Bekannte im Quartier erfahren wir, dass unser Haus zum Verkauf ausgeschrieben ist. Nach einem ersten Schock erwägen wir verschiedene Möglichkeiten, wie wir den Verbleib in unserem lieb gewonnenen Haus sichern könnten. Wir anerbieten uns als KäuferInnen des Hauses. Doch wir machen die Rechnung ohne die Wirtin. Wir haben vergessen, dass uns die Hausbesitzerin gar nicht wohl gesonnen ist und diese ohnehin nur dem Meistbietenden zu verkaufen gedenkt - die Blütezeit der Zürcher Immobilienspekulation herrscht. Rasch wechselt in der Folge das Haus die Hand, nachdem selbst die Stadt Zürich als Interessentin durch ein astronomisches Angebot ausgebootet wurde. Der neue Besitzer ist ein stadtbekannter Spekulant aus dem Prostitutionsmilieu, bekannt für seine rüden Methoden. Wir wissen deshalb schon im Voraus, was für Schikane wir von diesem hemdsärmligen Bauunternehmer zu gewärtigen haben. Doch was wir erfahren sollten, übertrifft die kühnsten Vorstellungen, die wir uns machen konnten. Dank Mieterstreckung erhalten wir zwar einen einjährigen Aufschub bis zum endgültigen Auszug. Innerhalb dieser Periode entwickelt sich indes ein regelrechter Kleinkrieg zwischen MieterInnen und Vermieter. Dieser schreckt bisweilen selbst vor Gewalt nicht zurück, um seine unliebsame Mieterschaft loszuwerden. Zu diesem Zweck engagiert er "harte Jungs" aus dem Prostitutionsmilieu, die den BewohnerInnen einheizen sollen. Des Vermieters Taktik zeitigt tatsächlich einigen Erfolg, denn die Mehrheit der MieterInnen hält es nicht mehr aus, den ständigen Terror zu erdulden und auf einer monatelangen Baustelle leben zu müssen.
Schon kurz nach dem Besitzerwechsel lässt der Vermieter das Haus einrüsten und beginnt mit der Renovation. Im Treppenhaus werden umgehend die Aussenwände entfernt, die Waschmaschine abtransportiert sowie die Telefon- und Gasleitungen gekappt; ungeachtet der Tatsache, dass wir weiterhin rechtmässige MieterInnen sind. Wir setzen alle Hebel in Bewegung, um das unselige Wirken des Vermieters zu stoppen. Vergeblich. Unsere bereits gehegten Zweifel am Rechtsstaat werden vollends bestätigt. Noch mehr, als wir auch noch um Strom und Wasser bangen müssen. Am Ende schalten wir die Medien ein, die eifrig über unseren Fall berichten. Aber nicht einmal das gebietet dem rasenden Hausbesitzer Einhalt.
So endete, was sich so verheissungsvoll angelassen hatte, in einer grossen Enttäuschung. Das Biotop Habi war am 30. September 1990 definitiv zu Ende und lebt einzig fort in der Erinnerung zahlreicher BewohnerInnen, die über eine kürzere oder längere Zeit dort wohnten.
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