Abschrift:
Leitartikel aus Eisbrecher Nr. 6 vom 6. Dezember 1980
Wir wünschen allen schöne Weihnachten....
Es steht bereits auf den Mauern der Stadt: an Weihnachten wird demonstriert. Diese Aktion soll ein voller Erfolg werden. Darum machen wir vom Eisbrecher den folgenden Vorschlag an alle Interessierten, an die Bewegung, an alle Unzufriedenen, an Demokraten und Sozialdemokraten, an die Gafferinnen und Gaffer, an die Ladenbesitzer, an den Stadtrat, die Polizei und die Presse, kurz - an alle Menschen mit gutem Willen. Alle sollen ihre Meinung äussern.
An die Bewegung
Es soll möglich sein, dass sehr viele Leute an dieser Demo teilnehmen können. Erste Bedingung dazu: Es muss eine friedliche Demo werden. Wir schlagen das in diesem Sinn vor, wissen aber, dass das nicht von uns abhängt: ohne Polizei kein Krawall. Zweite Bedingung: Wir wollen den Stadtrat nicht demütigen, sondern ihm die Möglichkeit geben, einige seiner Irrtümer zu korrigieren. Deshalb werden wir das AJZ nur für einen Tag benützen, für ein grosses Fest und eine VV. Vom Stadtrat wünschen wir, dass er dieses Fest erlaubt und öffentlich erklärt, dass er anfangs Januar die Verhandlungen über die Wiedereröffnung mit der alten Trägerschaft wieder aufnimmt. Wir denken, dass diese Verhandlungen Ende Januar abgeschlossen sein werden. Wenn der Stadtrat diese Vorschläge akzeptiert, werden wir sofort daran gehen, das Fest zu organisieren. Im anderen Fall trägt er die ganze Verantwortung für alle Ereignisse. Dann werden wir diskutieren müssen über andere Möglichkeiten unserer Präsenz auf der Strasse. Auf jeden Fall: Wir werden uns auf beide Möglichkeiten vorbereiten.
Der 24. Dezember wird für uns ein wichtiger Tag. Das heisst aber nicht, dass wir uns jetzt zu Hause einschliessen und Transparente malen. Im Gegenteil: Alles was wir seit dem 4. September gemacht haben, war schön und gut. Wir konnten unseren Druck und unsere Präsenz aufrecht erhalten in einer Situation, in der durch die Besetzungen der Polizei jede Diskussion fast verunmöglicht wurde. So oder so, wir wollen so weiterfahren, mit Kreativität und Fantasie. Am 24. sind wir alle dabei.
An die Unzufriedenen, die Demokraten, an die Gaffer und an alle Menschen mit gutem Willen
Ihr seid diesen Sommer mit uns auf der Strasse gewesen. Als der Kampf etwas härter wurde, seid ihr verschwunden. Einige von euch haben sogar dem Kauf eines neuen Wasserwerfers zugestimmt und andere haben sich der Stimme enthalten, als die Forderung der Amnestie erhoben wurde. Wo blieb euere Zivilcourage. Konsequenterweise wurde unser Kampf immer militanter. Vielleicht habt ihr euch darüber empört. Aber für uns ging es darum zu verschwinden oder Widerstand zu leisten, und wir haben entschieden, uns zu wehren, auch alleine. Die Verantwortung liegt aber auch bei euch. Das Ziel bleibt, uns für ein besseres Leben in dieser Stadt einzusetzen. Wenn ihr das immer noch unterstützt - am 24. können wir zusammen demonstrieren. Wir möchten eine friedliche Demo (sofern die Polizei das ermöglicht), und das hängt nicht zuletzt auch von euch ab.
An den Stadtrat
Seit dem 4. September habt ihr einen riesigen Berg von schlimmen Irrtümern begangen. Wir sind bereit, für heute, dies zu vergessen. Aber auch das hat seinen Preis (pardon, für die Präsentation der Rechnung genau an Weihnachten). Ihr wisst jetzt die Pläne der Bewegung für den 24. Ihr kennt unsere Wünsche. Akzeptiert sie.
Das was am 24. passiert, hängt auch von euch ab. Es sind eben noch andere Sachen im Spiel der Politik als die Wahlen von 1982. Dies ist nicht ein Ultimatum, sondern eine viel seriösere Angelegenheit.
An die Ladenbesitzer
Wir waren eigentlich nie vor allem gegen eure Läden. Uns geht es um viel wichtigere Sachen. Deshalb fordern wir euch auf, geht zum Stadtrat, verlangt die Wiedereröffnung des AJZ, kommt mit uns auf die Strasse. Das ist die beste Versicherung für eure lieben Schaufenster, etc.
An die Polizisten
Auch wenn ihr gut bezahlt seid, ihr habt nicht den schönsten Beruf. Wir sind sicher, dass nach den Ereignissen dieses Sommers viele von euch eine neue Arbeit suchen. Einige haben sie ja schon gefunden. Eure Chefen suchen für den 24. Dezember Freiwillige. Ihr sollt auch an der Weihnacht gegen uns eingesetzt werden. Verweigert das, auch wenn ihr gezwungen werdet. Ihr habt das Recht, an Weihnachten bei euren Familien zu sein, wie wir das Recht haben, unser Fest zu machen. Wir auf der Strasse und im AJZ wollen und brauchen euch nicht. Es ist der Stadtrat, der euch aufbietet.
An die Presse
Ihr habt geschwiegen, wenn ihr hättet reden sollen und wenn ihr geschrieben habt, so häufig falsch und einseitig. Wir bitten Euch, wenigstens für dieses Mal, erklärt euren Lesern, was wir eigentlich wollen.
Grosse Vollversammlung über Weihnachtsdemo
Donnerstag, 11. Dezember - 20 Uhr - Volkshaus - Theatersaal
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