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Chronologie der Ereignisse > Italien 1976/77



Datum Ereignis
1975-1977 In einer ersten Phase wendet sich die Jugendbewegung vor allem gegen die Erwachsenenwelt und ist bereit für den Kampf für eigene Freiräume. In dieser fröhlichen Phase der Jugendbewegung sind die «indiani metropolitani» (Stadtindianer) tonangebend. Kulturelle Veranstaltungen werden gestürmt und Läden geplündert («spesa proletaria», proletarischer Einkauf).
1975 Stürmung des Lou Reed-Konzertes in Rom.
22. Februar 1976 Am «Festa di Ballo» in Mailand treffen sich 13 Jugendgruppen.
21. März 1976 Die Stadtindianer - ein Haufen buntmaskierter und grell bemalter Jugendlicher und ihr Häuptling Bifo - fordern Freiräume für die Phantasien der heimatlosen Grossstadtkinder.
Herbst 1976 In den Grossstädten des reichen Nordens, in Mailand, Turin und Bologna, aber bald auch in Rom findet die Jugendbewegung grossen Zulauf. Man überfällt Kinos und verlangt gratis Einlass oder plündert die Lebensmittelabteilungen der Kaufhäuser, stürmt Kaffeehäuser.
7. Dezember 1976 Nachdem einige Wochen erfolgreich die Kinos gestürmt wurden, kommt es zur grossen Machtprobe bei der Premiere des «Othello» in der Mailänder Scala. Mehrere Tausend Jugendliche ziehen von verschiedenen Punkten der Stadt zur Scala, die jedoch von der Polizei abgeriegelt ist (offiziell 4500 PolizistInnen). Als klar wird, dass die Scala nicht zu stürmen ist, kommt es zum «spesa proletaria»: Verschiedene Luxusgeschäfte in der Innenstadt werden geplündert.
Ende Januar 1977 In einem Dekret verfügt der Erziehungsminis-ter Franco Maria Malfatti, dass künftig die Wiederholung eines Universitätsexamen im selben Fach nicht mehr möglich sei.
1. Februar 1977 Ein Jungfaschisten-Kommando überfällt die Vollversammlung in einer römischen Universität und erschiesst den linken Studenten Guido Bellachioma.
2. Februar 1977 Tausende marschieren zum Parteilokal der faschistischen Jugendbewegung «Fronte della Gioventù». Auf der Piazza Indipendenza wird der Demonstrationszug von der Polizei mit Schüssen aus Pistolen und Maschinenpistolen angegriffen. Erstmals machen Demonstranten von der Schusswaffe Gebrauch. Zwei Studierende und ein Zivilpolizist tragen schwere Verletzungen davon.
Februar, März 1977 Nach und nach werden fast alle Universitäten und Hochschulen Italiens besetzt.
9. Februar 1977 Das Besetzungskomitee der Uni Rom organisiert eine Grossdemonstration. 30000 Studierende und Jugendliche aus den Randbezirken der Stadt ziehen friedlich durch Rom, wobei auch zum bewaffneten Kampf aufgerufen wird.
10. Februar 1977 Gegenkundgebung der Jugendorganisationen der politischen Parteien. Wiederum demonstrieren ca. 30000 Studierende, die teilweise von der PCI mit Bussen aus der umliegenden Provinz nach Rom gefahren werden. Am Nachmittag findet ein grosses Fest der «indiani metropolitani» auf dem Uni-Gelände statt. Unter den Anwesenden wird der PCI-Journalist Trombadori erkannt. Die laufenden Veranstaltungen werden unterbrochen, um Trombadori wegen seiner angeblich falschen und tendenziösen Berichte über die Bewegung den Prozess zu machen; er hatte in der «Unità» die Bewegung als «ein paar Dutzend Besetzer» und als «Provokateure» bezeichnet.
17. Februar 1977 Der kommunistische Gewerkschaftsführer Luciano Lama möchte an der besetzten Uni eine Rede halten. 3000-4000 mobilisierte GewerkschafterInnen sollen den nötigen Schutz bieten. Dem Ordnungsdienst von Lama stehen die Stadtindianer in Kriegsbemalung mit ihren Parolen, Gummi-Streitäxten, Luftschlangen und Konfetti gegenüber. Als einige wassergefüllte Plastikbeutel nach dem Ordnungsdienst geworfen werden, kommt es zu einer Massenschlägerei. Lama liest seine Rede, ehe er von den StudentInnen aus dem Uni-Viertel vertrieben wird. Rektor Ruberti lässt am selben Nachmittag die besetzte Uni räumen und ruft den Belagerungszustand aus.
19. Februar 1977 50000 Jugendliche demonstrieren auf der Piazza Navona gegen die Aktion von Lama, Rektor Ruberti und die Räumung.
26./27. Februar 1977 An der nationalen Versammlung streikender Studenten nehmen rund 5000 TeilnehmerInnen teil und erzählen über die Erfahrungen aus den verschiedenen Städten. In den zwei Tagen kommen deutlicher als je zuvor die Differenzen innerhalb der Bewegung zum Ausdruck. Während die traditionalistischen Gruppen von der Bewegung immer weiter an den Rand gedrängt werden, kommt es gleichzeitig zum offenen Konflikt innerhalb der Gruppierungen, die in ihren Positionen mehr oder weniger die Hochschulrevolte repräsentieren: auf der einen Seite die organisierten Gruppen der Autonomia Operaia - auf der anderen Seite der sogenannte «kreative Flügel», die Spontis (die «indiani», die «Maodadaisten» etc.) und die Frauen (die allerdings stets ihre Autonomie als feminis-tische Bewegung betonen).
11. März 1977 Bei einem Polizeieinsatz im Uni-Viertel in Bologna wird der Student Francesco Lorusso von einem Carabiniere erschossen. Wie von zahlreichen Augenzeugen bestätigt wird, handelte es sich dabei um eine Exekution. Die Nachricht verbreitet sich - vor allem über Radio Alice - wie ein Lauffeuer; an der Uni werden Barrikaden errichtet; wenige Stunden später formiert sich ein Demonstrationszug von rund 8000 Personen. In den Prachtstrassen der Innenstadt gehen Schaufensterscheiben der Banken zu Bruch, Luxusgeschäfte werden durch Molotow-Cocktails in Brand gesetzt, da und dort wird eine «spesa proletaria» gemacht. Bei den Konfrontationen verteidigen sich einige Demonstranten mit Schusswaffen. In einer Versammlung am späten Abend sind sich praktisch alle darüber einig, dass die von der Bewegung praktizierte Militanz die angemessene Antwort auf die Provokation der Polizei war. Die PCI hatte sich darauf beschränkt, das brutale Vorgehen der Polizei zu kritisieren, den Tod des Studenten zu bedauern und zu fordern, dass die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden. Gleichzeitig verurteilte sie die «Provokation» der Linksradikalen. In der Nacht werden zahlreiche Verhaftungen und Hausdurchsuchungen vorgenommen.
12. März 1977 Bologna: Am Nachmittag versucht die Polizei, die Uni zu räumen. Es kommt zu einer heissen Barrikadenschlacht; die BesetzerInnen lassen sich nicht vertreiben. Gegen Abend bricht eine Gruppe von Autonomen ein Waffengeschäft in der Nähe der Uni auf und schleppt einige Dutzend Gewehre und Pistolen ab. Die Spannung in der Stadt ist inzwischen so gestiegen, dass sich kaum noch jemand auf die Strasse wagt. Innenminister Cossiga droht, über Bologna den Ausnahmezustand zu verhängen. Rom: Nationale Demonstration, an der mehr als 50000 Personen teilnehmen: gegen die technokratische Hochschulreform, gegen die Opfer-Politik der grossen Koalition DC-PCI. Die Ermordung Francesco Lorussos am Vortag in Bologna treibt das Klima auf den Siedepunkt. Die Gruppen der Autonomia praktizieren das von ihnen propagierte «neue Niveau der Auseinandersetzung», die bewaffnete Aktion. Das DC-Büro, Polizeikasernen, Büros von FaschistInnen werden angegriffen, Enteignungsaktionen durchgeführt, zwei Waffengeschäfte ausgeraubt. Viele der DemonstrationsteilnehmerInnen fühlen sich durch diese Art von Militanz überrumpelt und instrumentalisiert; dies umso mehr, als der Grossteil der Masse dem militärischen Auftreten der Polizei und deren Racheaktionen nach Ende der Demonstration relativ unvorbereitet und hilflos gegenübersteht.
13. März 1977 In Bologna wird das Uni-Viertel durch die Polizei besetzt. Ca. 3000 PolizistInnen und Cara-binieri rücken im Morgengrauen mit Panzerwagen an, versperren sämtliche Zufahrtswege, durchsuchen alles, aber finden niemanden. In der Innenstadt wird jede Menschenansammlung sofort von der Polizei auseinandergetrieben. Bologna ist praktisch eine militärisch besetzte Stadt.
14. März 1977 Beerdigung von Francesco Lorusso, eine «chilenische» Beerdigung: Der als Demonstration geplante Trauerzug wird vom Polizeipräfekten nur auf den letzten 300 Metern vor dem Friedhof erlaubt.
16. März 1977 Bologna: Die grosse Koalition lässt die schweigende Mehrheit gegen die revoltierenden DissidentInnen aufmarschieren. Unter der Parole «Nein zur Gewalt» werden auf gemeinsame Initiative aller staatstragenden Parteien 200000 Leute auf der Piazza Maggiore zusammengetrommelt.
18. März 1977 Haftbefehl gegen den Bolognesen Franco Berardi (genannt Bifo) wegen «subversiver Vereinigung» und anderer politischer Straftaten. Es beginnt damit die Repressionskampagne, die die Revolte als «Komplott gegen den demokratischen Staat» zu kriminalisieren versucht, als eine von langer Hand vorbereitete, konspirativ organisierte, von ausländischen TerroristInnen und/oder GeheimagentInnen unterstützte und von der linken Basispresse publizistisch angeheizte Verschwörung. Bifo selbst gelingt es, sich der Verhaftung zu entziehen.
21. April 1977 Rom: Auf einer studentischen Vollversammlung wird als Reaktion darauf die Wieder-Besetzung einiger Fakultäten beschlossen und umgesetzt. Zwei Stunden später rückt die vom Rektor gerufene Polizei mit Panzerwagen an und räumt das gesamte Uni-Viertel. Strassenschlachten. Als einige Polizisten beginnen, scharf zu schiessen, schiesst der harte Kern der Autonomi zurück. Während der Ausschreitungen wird der Polizeischüler Settimio Passamonti erschossen, ein anderer Polizist durch Kopfschuss schwer verletzt.
12. Mai 1977 Rom: Zum dritten Jahrestag des Referendums für die Ehescheidung und zur Unterstützung der laufenden Kampagne wollen die die Kampagne tragenden Gruppen eine Kundgebung auf der Piazza Navona abhalten. Bereits vor Beginn der Veranstaltung schreitet die Polizei ein, indem sie den ganzen Platz abriegelt und die VeranstalterInnen mit Knüppeln traktiert: Während der folgenden Strassenschlachten setzt die Polizei Schusswaffen ein. Alle staatstragenden Parteien, einschliesslich der PCI, stellen sich hinter den Polizeieinsatz.
14. Mai 1977 Mailand: Im Verlauf einer Demonstration gegen den Polizeieinsatz in Rom und gegen die Verhaftung der Mailänder Anwälte Spazzali und Cappelli, greift eine Gruppe bewaffneter Jugendlicher die Polizei an. Bei dem Gefecht wird ein Polizist durch einen Pistolenschuss getötet. Der Vorfall löst innerhalb der Mailänder Linken wütende Reaktionen aus. Mitglieder der MLS betreiben nach Bekanntwerden der Nachricht eine regelrechte Jagd auf Genossen der Autonomia Operaia, von denen einige krankenhausreif geschlagen werden. Die Gruppen der Autonomia Operaia distanzieren sich von der Aktion.
Ende 1977 Als nach jahrelangen Versprechungen und permanenten Regierungskrisen auch der grosse PCI-Sieg ohne politische Folgen bleibt, weichen die Hoffnungen der Enttäuschung, v.a. über die sich den Christdemokraten immer mehr anbiedernden KommunistInnen. In der Folge kommt es zu einer Eskalation der Gewalt sowohl von Seiten des Staates, als auch zunehmend vonseiten der militanten Bewegung. Das Fazit des Jahres 1977: 2128 Attentate, zehn Tote, 45 Verletzte.
Ende 1978 Die militanten Autonomia-SympathisantInnen werden auf 100000 geschätzt.


Recherchen: Thomas Stahel
Quellen:
Huhn, Jens: Die Stadtindianer auf Kriegspfad. In: Kraushaar, Wolfgang (Hrsg.). Autonomie oder Ghetto. Kontroversen über die Alternativbewegung. Frankfurt 1978. S. 129-147.
«Indianer und P 38». Italien: ein neues 68 mit anderen Waffen. München 1978.
Kraatz, Birgit: Der Traum vom Paradies. Über die Stadtindianer und Autonomie in Italien. In: Haller, Michael (Hrsg.). Aussteigen oder rebellieren. Jugendliche gegen Staat und Gesellschaft. Hamburg 1981, S. 35-48.
Silj, Alessandro: Verbrechen, Politik, Demokratie in Italien. Aus dem Italienischen von Ulrich Hausmann. Frankfurt am Main 1998.